Keine Luft mehr
Wie bereitet man Taucher am besten darauf vor?
Plötzlich kommt keine Luft mehr – das ist wohl das allergrößte Horrorszenario beim Tauchen.
Deshalb übt man gleich im Open Water Diver, wie man Luft vom Buddy bekommt, wie man einen schwimmenden Notaufstieg macht und wie man dabei auch noch das Blei abwirft.
Aber sind diese martialischen Notaufstiege heute noch relevant? Auf was sollten wir beim Thema Notaufstiege den Fokus legen?
Lange vor dem Notaufstieg: Gasplanung
Ein echter Notaufstieg beginnt nicht unter Wasser – sondern viel früher.
Wer seine Gasvorräte plant, kontrolliert und die Reserve respektiert, kommt gar nicht erst in die Situation, „keine Luft mehr“ zu haben.
Schon im Open Water Diver wird klar, dass man die Kontrolle über den eigenen Luftvorrat behalten muss. Oft nur mit ein paar Faustregeln wie “mit 70 bar am Sicherheitsstopp”, aber das reicht für diese Art von Tauchgängen ja auch. In den weiterführenden Kursen kommt nach und nach ein wenig Gasplanung dazu, die zunehmend komplexer werden kann.
Wer etwas mehr über das Thema Gasplanung wissen will, kann das auf unserer Seite zur Tauchgangsplanung nachlesen.
Warum man keine Luft mehr bekommt
Das Gespenst “plötzlich keine Luft mehr” begleitet alle Diskussionen über Notaufstiege. Aber: Woran liegt es eigentlich, dass jemand plötzlich keine Luft mehr hat?
Technische Fehler an den Reglern sind extrem selten, und die allermeisten technischen Defekte führen zu einem abblasenden Regler. Dreck in der Flasche ist als Ursache denkbar, wenn er den Weg in die Erste Stufe verstopfen kann. Sonst ist da technisch wenig denkbar. Und natürlich kann ein Finimeter mall zu viel anzeigen oder klemmen – was man aber durchaus bemerken kann.
Woran es also meistens liegt: Nicht aufs Finimeter geschaut. Genau so banal ist das.
Und deshalb ist es vel wichtiger als jeder Notaufstieg, darauf hin zu trainieren, dass jeder immer auf 10 bar genau weiß, wie viel Luft er noch in der Flasche hat. Das, und eine dem Tauchgang angemessene Gasplanung, machen Notaufstiege weitgehend überflüssig.
Erste Wahl: Der Octopus des Partners – Air Sharing
Wenn ein Taucher keine Luft mehr hat, ist der Air Sharing Ascent (ASA) die erste Wahl – das Teilen der Luftversorgung mit dem Buddy.
Es ist der einzige Notaufstieg, der wirklich als kontrollierte, gemeinsame Lösung funktioniert.
Hier gibt es mehrere Varianten: Man kann den eigenen Regler abgeben oder den Oktopus. Und beides existiert in unterschiedlichen Konfigurationen.
In der weltweit am meisten verbreiteten typischen Rec-Konfiguration wird der Oktopus am etwas längeren Schlauch getragen – so, dass man ihn leicht abgeben kann, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen.
Im “Tec-Style” hingegen trägt der Taucher Hauptregler an einem langen Schlauch und gibt diesen bei Bedarf ab. Die alternative Luftversorgung hängt am kurzen Schlauch unter dem Kinn, meist mit einem Gummiring fixiert.
Das Prinzip: Derjenige, der keine Luft mehr hat, bekommt immer die funktionierende Quelle aus dem Mund des Buddys – also die, die garantiert atembar ist. Und der lange Schlauch garantiert Bewegungsfreiheit, die man im technischen Tauchen braucht, wenn man eben nicht direkt zur Oberfläche kann.
Und dann gibt es weitere Varianten, wie z.B. einen in den Inflator integrierten Octopus – auch hier muss der Regler aus dem eigenen Mund abgegeben werden.
Einige Verbände schreiben ihren Tauchlehrern eine bestimmte Equipmentkonfiguration vor, und bilden dann konsequent auch die dazu passende Methode aus. Bei SSI darf der Tauchlehrer aussuchen, welche Variante am meisten Sinn macht. Nur in der Profiausbildung muss die Variante mit der Übergabe des eigenen Hauptreglers geübt werden. Die Begründung: Das ist die Version, die in allen Equipmentkonfigurationen funktioniert. Durchaus ein gutes Argument.
Dennoch ist in der Anfänger-Ausbildung die beste Methode immer die, die zur eigenen Ausrüstungskonfiguration passt.
ESA – “einfach hochschwimmen” is’ nich!
Der Emergency Swimming Ascent (ESA) – also der kontrollierte schwimmende Notaufstieg – ist die Königsdiziplin unter den Skills in der Instructor-Ausbildung. Aber wie relevant ist er für die OWD-Ausbildung, und brauchen wir ihn wirklich in realen Tauchsituationen?
Die Idee ist klar: Man merkt plötzlich, dass man keine Luft mehr hat, der Buddy ist nicht da oder nimmt einen nicht wahr, also schwimmt man kontrolliert nach oben. Dabei amet man kontinuierlich langsam aus, damit die sic ausdehnende Luft die Lunge verlassen kann.
Wenn man diesen Aufstieg trainiert, merkt man, wie lange man am Stück ausatmen kann – Danke, Boyle! – und man lernt idealerweise, die Geschwindigkeit abzuschätzen, mit der man es bis oben schafft.
Aber, mal ehrlich: Wie viel muss schiefgegangen sein, damit man in diese Situation kommt? Man hat nicht auf den eigenen Luftvorrrat geachtet, und dann auch noch den Buddy verloren… Gut zu wissen, dass man trotz dieser massiven Fehler noch eine Chance hat, aber der Fokus sollte wirklich darauf liegen, nie in diese Situation zu kommen.
Für die Ausbildung heißt das:
nicht abschaffen, aber didaktisch einordnen. Der ESA ist keine Lösung, die man trainiert, um sie wirklich zu brauchen – sondern um zu verstehen, was man besser vermeidet.
Bei SSI ist diese Übung im Freiwasser optional. Um die Risiken zu vermeiden, die ein zu schneller Aufstieg mit sich bringt, halte ich es für eine gute Entscheidung, den Notaufstieg lieber flach und dafür langsam zu üben.
Blei abwerfen, ja, aber der EBA? Na ja…
Der Emergency Buoyant Ascent (EBA) – also das Abwerfen des Bleis und Aufsteigen mit positiver Tarierung – ist ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Er stammt aus einer Phase, in der man Tauchern beibringen wollte, im Zweifel „irgendwie hochzukommen“.
Heute wissen wir: Der Verlust der Kontrolle über die Aufstiegsgeschwindigkeit ist eines der größten Risiken für Dekompressionsunfälle und Lungenüberdehnung.
Wenn wir ihn trotzdem üben, dann nur im Flachen, so flach wie möglich – in der Ausbildung muss man wirklich keinen zu schnellen Aufstieg riskieren.
Über EBA sprechen: Ja!
Denkt daran, dass das Blei weg muss, wenn ihr oben seid – aber habt einen anderen Plan B, falls ihr unten mal keine Luft mehr bekommt.
Das heißt nicht, dass man nie über den EBA sprechen sollte – im Gegenteil.
Er ist ein wichtiges Diskussionswerkzeug, um zu zeigen, wie stark sich die Tauchdidaktik verändert hat: vom „Überlebenstraining“ hin zum präventiven Denken.
Muss man zum Üben die Flasche zudrehen?
Nie, wirklich niemals, wird zum Üben eines Notaufstiegs die Flasche zugedreht! Kein Verband erlaubt das, niemand hält das für klug, und wenn das noch irgendjemand macht: Lasst es, bitte!
Aber natürlich sollte man im OWD-Kurs auch mal dem Schüler die Flasche zudrehen – und in vielen anderen Kursen noch mal. Das passiert aber nicht, wenn man dann auch noch aufsteigt, sondern in einer extrem kontrollierten Situation. Man zeigt an, dass man gleich die Flasche zudreht, und ist als Instructor direkt beim Schüler, kann jederzeit den eigenen Regler abgeben. Es geht darum zu spüren, wie es ist, wenn die Luft schwerer zu atmen ist – um dieses Gefühl früh zu erkennen und rechtzeitig reagieren zu können.
Bei einer leere Flasche ist der Moment, indem man immer schwerer Luft bekommt, viel länger als bei einem zugedrehten Ventil – man muss also gut aufpassen, um diesen kurzen Moment zu spüren. Dafür sollte man sich wirklich auf nichts anderes konzentrieren müssen und sich sicher fühlen.
Aber wann macht man das im Kurs? In den SSI-Skills gehört das tatsächlich vor den EBA – der denkbar dümmste Ort. Ich mache das gerne mal, bevor wir das erste mal Air Sharing üben – damit kann man gut erklären, warum man das eigentlich übt.
Fazit
Notaufstiege sind kein Übungsziel – sie sind ein didaktisches Werkzeug, um Verantwortung zu lehren.
Nicht, wie man im letzten Moment reagiert, sondern wie man vermeidet, überhaupt in diese Lage zu kommen.
Wer das verstanden hat, unterrichtet anders: ruhiger, reflektierter, mit Fokus auf Gasmanagement, Buddykommunikation und vorausschauendes Denken.
Denn der beste Notaufstieg ist der, den niemand braucht.