Über DCS reden

Let’s talk about DCS, diver

Es kann jeden treffen, ist aber auch nicht schlimmer als andere Sportverletzungen

Die Dekompressionskrankheit (DCS) ist zwar selten, doch sie weckt eine ganz andere Reaktion als viele vergleichbare Sportverletzungen. Ein verstauchter Knöchel gilt als normales Risiko – DCS dagegen umweht ein Hauch von Geheimnis und „selbst schuld“. Diese Sichtweise hilft niemandem. Wenn wir DCS entmystifizieren, gewinnen wir auf zwei Ebenen: Erstens erhält die Forschung endlich die vielen bislang verschwieg­enen Daten zu milden Symptomen, aus denen sich vielleicht ein wenig besser ableiten lässt, welche Profile wirklich risikoarm sind. Zweitens können wir individuell offener über kleine Warn­signale sprechen, aus vermeintlichem „Pech“ lernen und künftig sicherer tauchen – ohne dass dabei unausgesprochene Vorwürfe im Raum stehen.

Im Folgenden nehmen wir drei typische Denkfallen – Denial, Stigma und Hindsight Bias – unter die Lupe und überlegen, wie wir sie so weit wie möglich eindämmen können.
Und dann sammeln wir eure Erzählungen: Hattest du schon mal DCS? Dann schreib uns! Was wir daraus erfahren, veröffentlichen wir nach und nach hier unten auf der Seite – natürlich komplett anonymisiert.

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DCS: Die Dunkelziffer

Wie hoch ist die DCS-Inzidenz?

DCS ist im Vergleich zu Verletzungen bei anderen Sportarten eher selten. Etwa einer von 10.000 Tauchgängen endet mit relevanten Symptomen – das ist ein Risiko, das die meisten von uns gerne in Kauf nehmen.
Aber ist es wirklich so wenig? Einiges deutet darauf hin, dass viele Fälle nie bekannt werden und keinen Weg in die Statistiken finden. Das muss uns nicht erschrecken, schließlich landet auch nicht jeder blaue Fleck beim Fußball in einer Unfallstatistik. Meist sind es die harmlosen Symptome, die von selber oder mit etwas Sauerstoff wieder verschwinden, die nicht berichtet und vielleicht manchmal gar nicht wahrgenommen werden. Im Gegensatz zum blauen Fleck sind diese Symptome aber ein Hinweis: Anscheinend war der Taucher heute bei diesem Tauchgang nah an der persönlichen Grenze. Und auch wenn das noch nicht viel über den nächsten Tag oder einen anderen Tauchgang sagen kann, könnte die Summe solcher Fälle dazu beitragen, einige Lücken im heutigen Verständnis von DCS zu schließen.
Deshalb wäre es wünschenswert, viel mehr über auch kleine Unpässlichkeiten nach dem Tauchen zu reden.
In einem Blogartikel haben wir sehr genau auseinandergenommen, was über die Inzidenz bekannt ist und wie sie eingeschätzt wird. Hier soll es darum gehen, wie man am besten über DCS reden kann.

Was das Reden über DCS so schwierig macht

Denial – „Ich doch nicht!“

„Das erste Symptom einer DCS ist Leugnen“: Denial bezeichnet die Tendenz, Krankheitssymptome zu ignorieren und nicht wahrnehmen zu wollen, die in dem Moment zu unangenehm sind. Das menschlich sehr verständliche Phänomen ist in der Medizin bekannt und vor allem deshalb so gefährlich, weil es dazu führt, dass Behandlungen verzögert oder gar nicht erst gesucht werden.
Jetzt ist DCS in den meisten Fällen keine schwere Erkrankung, aber dennoch ist das Phänomen, Anzeichen zu ignorieren oder kleinzureden, weit verbreitet. 
Das leichte Kribbeln in der Haut, ungewöhnliche Müdigkeit oder das diffuse Gefühl, dass „etwas anders ist als sonst“  – soll man dafür wirklich den Tag unterbrechen und vielleicht anderen den nächsten Tauchgang verderben? Oder gar einen Flug verschieben?
Leider kann das ignorieren von Symptomen schwerwiegende Folgen haben. Das wichtigste bei DCS ist es, so schnell wie möglich Sauerstoff zu bekommen. Alleine dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass es zu bleibenden Schäden kommt, massiv reduziert. Den bekommt man aber nur, wenn man sich eingesteht, dass gerade etwas los ist. 
Wahrscheinlich spielen immer mehrere Gründe hinein, wenn Symptome verleugnet werden. Nicht zu unterschätzen sind die logistischen Schwierigkeiten, die Angst davor, mit großem Aufwand in eine Druckkammer gebracht werden zu müssen, Urlaubspläne umzuwerfen, Tauchänge oder andere Termine zu verpassen. Dazu kommt aber noch etwas: Das mit DCS verbundene Stigma.

Stigma – „Was habe ich nur falsch gemacht?“

Wir haben schon kurz erwähnt, dass die Stigmatisierung von DCS ein relevanter Faktor dafür sein könnte, dass wenig berichtet und viel versteckt wird. Die These scheint schwer zu belegen, wenn man sieht, wie bereitwillig viele auf unsere Umfrage reagiert haben. Aber auch in dieser Gruppe von Personen, die gerne berichten, gerne helfen, oft explizit erwähnen, dass es ihnen wichtig ist klarzustellen, dass an DCS niemand schuld ist, passiert etwas ganz wichtiges: Die Suche nach Gründen. Und allein die ist, so sinnvoll sie manchmal sein mag, ein Teil der Stigmatisierung.
Das wollen wir uns hier genauer anschauen. Dazu erst einmal ein wenig Soziologe: Was hat es mit diesem Stigma auf sich?

DCS als potenziell stigmatisierendes Ereignis

Ein Stigma wird oft verstanden als sichtares Merkmal, das eine Gruppe von Menschen zeichnet und als „anders“ markiert. Dabei geht es aber nicht nur um sichtbare Zeichen, sondern vor allem um Fragen menschlicher Identität.  Erving Goffman beschreibt in seinem Standardwerk Stigma als ein Attribut, das eine Person in den Augen anderer diskreditieren kann und ihre soziale Identität in Frage stellt. Entscheidend ist dabei nicht das Merkmal selbst, sondern die soziale Zuschreibung: Ein Ereignis wird dann stigmatisierend, wenn es als Hinweis auf persönliches Versagen, mangelnde Kompetenz oder Normverletzung interpretiert wird. Und das Stigma hat dabei eine doppelte Funktion: Es stellt Distanz zum Stigmatisierten her, und bestätigt damit die eigene Normalität.
„Der Terminus Stigma wird also in bezug auf eine Eigenschaft gebraucht werden, die zutiefst diskreditierend ist, aber es sollte gesehen werden, daß es einer Begriffssprache von Relationen, nicht von Eigenschaften bedarf. Ein und dieselbe Eigenschaft vermag den einen Typus zu stigmatisieren, während sie die Normalität eines anderen bestätigt, und ist daher als ein Ding an sich weder kreditierend noch diskreditierend.“ (Goffman: Stigma, 1975)

In der Medizin wird Stigma als Hindernis für angemessene Behandlung vor allem in Bezug auf psychische Erkrankungen, aber auch bei bestimmten Merkmalen wie Übergewicht diskutiert. Von einem Stigma betroffene Patienten suchen weniger Behandlung, werden weniger ernst genommen, erfahren dadurch schlechtere Behandlung, und suchen – weil sie das wissen – noch weniger Behandlung. (Stangl 2019)

Im Kontext des Tauchens kann DCS eine solche Funktion einnehmen. Obwohl das Risiko selbst bei regelkonformen Profilen nicht vollständig eliminierbar ist, wird das Auftreten einer DCS häufig implizit mit Fehlern in der Planung oder Durchführung eines Tauchgangs verbunden, oder es werden andere „persönliche Risikofaktoren“ ausgemacht.

Vor diesem Hintergrund kann eine erlebte DCS zu einem Ereignis werden, das die eigene Kompetenz als Taucher infrage stellt. Besonders für erfahrene Taucher oder Professionals, deren Identität stark mit ihrer Expertise verbunden ist, kann dies eine potenziell diskreditierende Situation darstellen.

Die intensive Suche nach Gründen lässt sich deshalb auch als Strategie des Stigma-Managements verstehen. Durch die Identifikation externer Faktoren – etwa Dehydrierung, körperliche Anstrengung oder anatomische Besonderheiten – wird das Ereignis erklärbar gemacht, ohne dass die eigene Kompetenz grundsätzlich infrage gestellt wird.

Erving Goffman: Stigma

Erving Goffman beschreibt in seinem 1963 erschienenen Klassiker „Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität“, wie Gesellschaften Individuen aufgrund bestimmter Merkmale abwerten und ausgrenzen.

Stangl: The Health Stigma

The Health Stigma and Discrimination Framework: a global, crosscutting framework to inform research, intervention development, and policy on health-related stigmas. Published by BMC Medicine, 2019.

Hindsight Bias – Hinterher ist man immer klüger

Hindsight Bias beschreibt die Neigung, Ereignisse rückblickend als „vorhersehbar“ zu deuten, sobald ihr Ausgang bekannt ist. Beim Tauchen sieht das so aus: Winzige Abweichungen – ein paar Meter tiefer als geplant, die Sicherheitsstufe des Computers ignoriert, eine ungewohnt lange Oberfläche – gehen in unzähligen Tauchgängen glatt. Kommt es jedoch einmal zu Symptomen, wirken dieselben Kleinigkeiten plötzlich wie die einzig logische Erklärung. Das verführt uns dazu, Ursachen vorschnell festzunageln und blendet aus, dass gerade beim Tauchen ein gutes Stück Zufall mitspielt. Hilfreicher ist es, nach einem Zwischenfall erst zu sammeln, was wirklich feststeht, Fragen offen zu lassen und zu akzeptieren, dass nicht jedes Puzzleteil von Beginn an sichtbar war. So bleibt Raum, aus dem Gesamtbild zu lernen, anstatt einzelne Details nachträglich zu großen Fehlern aufzublasen.

Und nun? Ein praxisnaher, offener Umgang mit DCS

Wer Symptome konsequent ernst nimmt, hat meist schon den wichtigsten Schritt getan. Das beginnt bei der Bereitschaft, Müdigkeit, Juckreiz oder diffus schmerzende Gelenke als potenzielle Warnzeichen zu akzeptieren. Es muss ja nichts ernstes sein – aber mal darüber reden, und ein bisschen Sauerstoff? Das schadet wirklich nie.
Entscheidend ist eine Fehlerkultur, die Vorgänge beschreibt statt Personen zu verurteilen. Und vor allem die Anerkennung der Tatsache, dass niemand sagen kann, warum jemand gerade bei diesem Tauchgang DCS bekommen hat – zumindest meistens nicht.

Werden Profile, Gase, Tiefen und auftretende Symptome anonymisiert dokumentiert und an Forschungsteams oder Fachforen weitergegeben, profitieren alle. Für Hintergrundwissen zu menschlichen Faktoren bieten Literatur und Workshops — etwa von The Human Diver — eine solide Grundlage, um Glaubenssätze zu hinterfragen und die eigene Praxis kontinuierlich zu verbessern. Und wie man über DCS reden kann, das werden wir hier zeigen.

Denial, Stigma und Hindsight Bias sind zutiefst menschliche Phänomene, aber sie müssen unsere Sicherheit nicht gefährden. Wer sie erkennt und anspricht, öffnet den Raum für ehrliche Gespräche, schnellere Hilfe und fundiertes Lernen aus jedem Zwischenfall. Tauchen wird dadurch nicht nur sicherer, sondern auch entspannter: Wir dürfen Grenzen haben und Fehler machen — entscheidend ist, wie offen wir damit umgehen.

Über DCS reden

Wir sammeln eure Geschichten: Hattest du schon mal DCS? Wie hast du das erlebt? Hast du Sauerstoff bekommen, war die Versicherungs-Hotline involviert? Wie ging es dir danach?
Mit dem Fragebogen kannst du uns beim Sammeln helfen, wenn du schon mal DCS hattest. 

Umfrage zu DCS

Hattest du schon mal DCS? Dann erzähle uns davon, damit wir deine Geschichte hier mit aufnehmen können!

Was uns erzählt wurde

Anfang 2026 haben wir aus einer Laune heraus einen Fragebogen erstellt und in ein paar Tauchgruppen geteilt, und gefragt, wer schon mal DCS hatte. Wir hatten darüber geredet, wie oft wir denn schon DCS beobachtet haben oder uns jemand davon erzählt hat, und wie sehr das ganz anders ist als das „Risiko 1:10.000“, das wir ja auch als allgemein anerkannte Schätzung teilen.
Obwohl wir ja oben erklärt haben, warum das Reden über DCS etwas schwierig ist, scheint es dennoch ein sehr großes Bedürfnis zu geben, darüber zu reden. Auf unseren nur ganz zurückhaltend geteilten Fragebogen kamen die Rückmeldungen überraschend schnell und mit sehr ausführlichen Beiträgen. 37 der 78 haben ihre e-mail angegeben, um für Rückfragen zur Verfügung zu stehen, und alle, die ich um ein ausführlicheres Interview gebeten habe, waren dazu auch direkt bereit. Es hat den Anschein, dass dieses Erlebnis, oder oft auch mehrere Episoden, die betroffenen Personen stark beschäftigen. 
Wir werden hier nach und nach Teile der Ergebnisse zeigen und diskutieren.

 

 

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