Specialties im Tauchen: Abzocke, Kärtchenverkauf oder sinnvolle Weiterbildung?
Man kann sein gesamtes Taucherleben so einrichten, dass man nie einfach nur tauchen geht, sondern einen Kurs nach dem anderen absolviert. Bootstauchen. Ein SMB-Specialty. Eine Ecology-Specialty pro Fischart. Ein Extrakurs für eine minimal andere Equipmentkonfiguration. Eine komplett neue Ausbildung für jeden neuen Rebreather. Rein theoretisch lässt sich Tauchen vollständig in Brevets aufteilen.
Aus dem Basisgeflüster kommt dazu aber meist ein recht klares Urteil: Solche „Kärtchensammler“ sind allgemein nicht sonderlich angesehen. Man soll doch auf jedem Level einfach mal Erfahrung sammeln, tauchen gehen, einfach so. Und „tauchen lernt man beim Tauchen“ – das stimmt schon auch.
Die Frage ist also nicht neu, aber berechtigt: Wem bringen die ganzen Specialties eigentlich etwas? Außer denen, die diese Kärtchen verkaufen?
Woher kommt der schlechte Ruf?
Specialties stehen nicht ganz zu Unrecht in dem Verdacht, vor allem genau einem Zweck zu dienen: Kunden über den Tisch zu ziehen, am besten so, dass sie die dabei entstehende Reibungshitze als Nestwärme empfinden.
Dieser Vorwurf ist hart, aber er kommt nicht von ungefähr. Weiterbildung klingt gut, ein neues Brevet fühlt sich nach Fortschritt an, und irgendwo schwingt immer das Gefühl mit, dass man ohne dieses Kärtchen vielleicht etwas Wichtiges verpasst. Das funktioniert – leider auch dort, wo der inhaltliche Mehrwert überschaubar bleibt.
Und ja: Einige Specialties sind tatsächlich ziemlich sinnlos. Bootstauchen zum Beispiel. Dafür braucht es ein sauberes Briefing, keinen ganzen Kurs. Und das Aufblasen einer SMB gehört in eine vernünftige Grundausbildung und nicht in ein separates Spezialbrevet…
Wenn ein Kurs eigentlich gar kein Kurs ist
Richtig problematisch wird es dort, wo eine Specialty gar kein echtes Training mehr darstellt. Wenn es keinen Mehrwert gibt, keine Zeit im Wasser, keine Wiederholungen, kein Lernen – sondern nur ein weiteres Kästchen zum Abhaken.
Wenn zum OWD noch schnell „Perfect Buoyancy“ verkauft wird, ohne dass auch nur ein einziger Skill konsequent in neutraler Tarierung durchgeführt wurde, dann ist das keine Ausbildung, sondern Abzocke. Wenn es das Boots-Brevet einfach zum Bootstauchgang gegen Aufpreis dazugibt, kann man darüber schmunzeln. Wenn aber nur noch diejenigen mit aufs Boot dürfen, die diese Specialty haben, und man es teuer bezahlen muss, dann ist eine Grenze überschritten.
Solche Specialties braucht dann wirklich kein Mensch. Wenn man schon Kurse macht, dann möchte man dabei doch auch etwas lernen – oder?
Keine „Deff-Scheine“ für eine Freizeitbeschäftigung
Was Specialties nicht sind: Sie erlauben niemandem etwas Neues, sie sind nicht notwendig, um sich weiterzubilden und anspruchsvollere Tauchgänge zu unternehmen. Ich bin ja grundsätzlich kein Fan von der zunehmenden Regulierung einer Freizeitbeschäftigung. Specialties sind keine „Deff-Scheine“ – also keine Erlaubnisscheine im Sinne von „der darf das jetzt“.
Man braucht keine Night-Specialty, um nachts zu tauchen. Keine Navi-Specialty, um den Weg zu finden. Und auch keine Deep-Specialty, um auf 40 Meter zu tauchen.
Wenn einzelne Tauchbasen entscheiden, die Teilnahme an einer Aktivität an ein bestimmtes Brevet zu knüpfen, dann dürfen sie das natürlich tun – ihre Basis, ihr Hausrecht. Aber es gibt darüber hinaus keine legale Notwendigkeit, für neue Ausrüstung oder neue Aktivitäten immer gleich einen neuen Kurs zu machen.
Tauchen lernt man nicht durch Plastikkarten. Was man dafür wirklich braucht, ist Erfahrung und Training.

Training, nicht Kärtchen
Um besser zu tauchen, braucht es Training. Und für dieses Training können Specialties durchaus ein sinnvoller Weg sein. Nicht automatisch, nicht durch ihren Namen, nicht durch das Kärtchen – sondern durch die Art und Weise, wie sie unterrichtet werden.
Es kommt immer darauf an, wie ein Kurs gemacht wird.
Man kann aus fast allem sinnvolles Training machen
Man kann sogar aus der absurdesten Specialty einen Kurs bauen, der sich für die Teilnehmenden lohnt. Nehmen wir ein bewusst extremes Beispiel wie Underwater Pumpkin Carving. Klingt albern, ist es auch ein bisschen. Trotzdem lässt sich daraus sinnvolles Training entwickeln. Wer unter Wasser eine Aufgabe ausführt, lernt sehr viel über Tarierung ohne Abstützen, über Atemkontrolle unter Ablenkung, über Feinarbeit mit Werkzeugen, über Stress, Konzentration und Teamarbeit.
Der Titel des Kurses ist dabei völlig egal. Entscheidend ist, was man daraus macht.
Dasselbe gilt für viele Specialties im SSI-Universum. Der Mehrwert entsteht nicht durch das Curriculum allein, sondern durch Fokus, Methodik, Zeit im Wasser und durch Instructorinnen und Instructoren, die ihre eigene Kompetenz einbringen und Menschen dort abholen, wo sie stehen.
Kleine Spezialtrainings sind eigentlich ziemlich klug
Kurze, klar fokussierte Trainingseinheiten mit zwei oder drei Tauchgängen sind als Weiterbildungskonzept erstaunlich sinnvoll. Sie lassen sich gut in den Alltag oder in den Urlaub integrieren und passen hervorragend zu dem Gedanken des lebenslangen Lernens.
Aus Instructor-Sicht gilt dabei dasselbe. Man kann aus wirklich jedem Thema einen Kurs machen, der echten Mehrwert bietet. Dafür reicht es allerdings nicht, die Theorie lesen zu lassen und das Minimum aus dem Kursprogramm abzuspulen. Gute Ausbildung braucht Zeit, Wiederholung, Feedback und den Willen, über Standards hinauszudenken. Die SSI Flexibilitäts-Regel erlaubt dir, jeden Kurs mit eigenen sinnvollen Übungen zu ergänzen und an deine Ausbildungsumgebung anzupassen. Es sind deine Inhalte, deine Erfahrung und deine Tauchgänge, von denen deine Schüler lernen, nicht das Manual!
Kurse sind kein Muss – aber sie funktionieren
Specialties sind kein Muss. Taucher können sich auf vielen Wegen weiterbilden, sie müssen nicht alles nachweisen können. Zu viel Regulierung kann mehr Schaden anrichten als zu helfen. Aber Training ist sinnvoll.
Wir verkaufen bei Punkfish Diving Trainingstauchgänge und SSI-Material bewusst getrennt voneinander. Man kann Kurse machen oder einfach nur Training buchen. Trotzdem entscheiden sich die meisten Menschen für Kurse. Nicht wegen des Kärtchens, sondern wegen Struktur, Motivation und Orientierung.
Das Ziel sollte dabei nie sein, möglichst viele Specialties zu machen oder zu verkaufen. Mein Interesse als Instructor ist ein anderes: Ich möchte möglichst gute Taucherinnen und Taucher ausbilden. Und dafür brauchen sie Training. Ob dieses Training in Kursform stattfindet oder nicht, ist zweitrangig. Die Kurse helfen – und sie funktionieren.
Niemand MUSS Specialties machen oder unterrichten…
Und vielleicht noch ein letzter Stoßseufzer zum Schluss. Wenn du Specialties für Abzocke hältst, dann mach halt keine. Oder verkaufe als Tauchlehrer keine. Das ist völlig okay. Niemand wird gezwungen, dieses Format zu nutzen.
Wenn du aber gleichzeitig behauptest, dass man sie in der Ausbildung grundsätzlich nicht braucht, dann zeig bitte auch, wie deine Ausbildung stattdessen funktioniert. Und mach sie richtig gut. Nur motzen reicht nicht. Besser machen schon. Erst dann wird Kritik wirklich valide.
Genau aus diesem Grund beschäftige ich mich selbst intensiv damit, wie man Specialties so gestalten kann, dass sie diesem Anspruch gerecht werden. Nicht als Verkaufsprodukt, sondern als strukturiertes Trainingsformat mit echtem Mehrwert. Wer sich als Instructor ebenfalls dafür interessiert, findet dazu bei mir ein entsprechendes Specialty-Instructor-Training. Kein Muss, keine Wunderlösung – eher ein ehrlicher Blick darauf, was man aus diesem Werkzeug machen kann, wenn man Ausbildung ernst nimmt.
