Erste Hilfe bei DCS

Warum Sauerstoff so wichtig ist

„Ich brauche keinen Sauerstoff, das ist beim letzten Mal auch einfach so wieder weggegangen.“

Diesen Satz hat vor einiger Zeit jemand zu mir gesagt, der zu diesem Zeitpunkt leichte Kreislaufprobleme und eine ausgeprägte Marmorierung der Haut zeigte. Und er ist nicht der einzige, der so reagiert. In einer Befragung von finnischen Tek-Tauchern – also erfahrenen Tauchern mit viel Wissen und Zugriff auf Sauerstoff! – haben von 27 Personen, die DCS Symptome erlebt haben, nur 6 Sauerstoff geatmet. Gefragt, warum sie keinen geatmet haben, kamen von den anderen Antworten wie “mir war das unangenehm”, “es war so viel anderes zu tun” – oder auch ein klares “ich weiß es nicht, ich verstehe es selbst nicht”.

Wenn Taucher bei beginnenden Symptomen von DCS keinen Sauerstoff nehmen, liegt das also meistens nicht daran, dass keiner zur Verfügung steht oder sie gar nicht wissen, dass sie ihn nutzen sollten. Die Gründe liegen woanders.

Zum einen bedeutet Sauerstoffgabe, sich einzugestehen, dass es sich um einen Tauchunfall handeln könnte. Und genau diese Erkenntnis wird oft so lange wie möglich vermieden. Verleugnung ist eines der frühesten und häufigsten Symptome nach einem Zwischenfall. Sie ist eng verbunden mit dem Stigma, das Tauchunfällen anhaftet, und mit der Angst, etwas „falsch gemacht“ zu haben.

Zum anderen wird die Bedeutung von Sauerstoff in der Akutversorgung bis heute unterschätzt. In vielen Köpfen ist fest verankert, dass die eigentliche Behandlung erst in der Druckkammer stattfindet. Sauerstoff erscheint dann wie eine Übergangslösung, bestenfalls unterstützend. Dabei kann eine frühzeitige Sauerstoffgabe in bestimmten Fällen den Verlauf eines Dekompressionsunfalls entscheidend beeinflussen – und manchmal sogar verhindern, dass eine Druckkammerbehandlung notwendig wird.

Und dann geistert auch noch ein ganz grober Irrtum durch einige Köpfe: Sauerstoff sei ja Medizin, und die dürfe man nicht einfach so geben. Das stimmt nicht, im Gegenteil: Keinen Sauerstoff zu geben, obwohl man ihn zur Verfügung hat, kann durchaus unterlassene Hilfeleistung sein. Man kann mit Sauerstoff sehr viel bewirken, aber ganz sicher nichts falsch machen.

“Meine O2-Sättigung ist ok”: Es geht nicht um Sauerstoffmangel

Seitdem jeder Zweite seine Vitalwerte inklusive Sauerstöffsättigung des Blutes per Smartwatch kontrolliert, kann es noch häufiger als früher zu einem verbreiteten Missverständnis kommen. Es geht bei der Gabe von Sauerstoff bei einem Tauchunfall, insbesondere bei DCS, nicht darum, dass der Körper unterversorgt sei. In den meisten Fällen der Dekompressionskrankheit ist das nicht der Fall, die Sauerstoffsättigung im Blut ist üblicherweise normal. Das Problem ist nicht primär ein Mangel an Sauerstoff, sondern ein Überschuss an inertem Gas, meist Stickstoff, im Körper.

Nur in einzelnen Situationen kann es zu einer echten lokalen Unterversorgung kommen, etwa wenn Gasblasen kleine Gefäße blockieren und bestimmte Gewebe nicht mehr ausreichend versorgt werden. Der zentrale Wirkmechanismus von Sauerstoff liegt jedoch woanders.

Sauerstoff verändert den Druckgradienten für Stickstoff

Der wichtigste Effekt der Sauerstoffgabe bei Dekompressionsunfällen ist physikalischer Natur. Wird reiner Sauerstoff geatmet, sinkt der Stickstoffanteil in der Lunge nahezu auf null. Dadurch entsteht ein deutliches Diffusionsgefälle zwischen dem im Körper gelösten Stickstoff und der Stickstoff-Partialdruck in der Lunge.

Dieser Gradient beschleunigt die Elimination von Stickstoff aus Blut und Geweben. Stickstoff wird schneller zur Lunge transportiert und abgeatmet. Je schneller dieser Prozess abläuft, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich neue Gasblasen bilden oder bestehende Blasen weiter wachsen.

In diesem Sinne wirkt Sauerstoff nicht symptomatisch, sondern kausal. Er greift direkt in den Mechanismus ein, der der Dekompressionskrankheit zugrunde liegt.

Sauerstoff kann Gasblasen verkleinern und destabilisieren

Ein weiterer wichtiger Effekt betrifft bereits vorhandene Gasblasen. Gasblasen im Blut oder Gewebe bestehen überwiegend aus Stickstoff. Atmet eine betroffene Person reinen Sauerstoff, verändert sich das Gasgleichgewicht innerhalb und außerhalb der Blase.

Der Stickstoffpartialdruck im umgebenden Gewebe sinkt, während der Sauerstoffpartialdruck steigt. Stickstoff diffundiert aus der Blase heraus, Sauerstoff diffundiert hinein, wird jedoch gleichzeitig im Gewebe verbraucht. Das Ergebnis ist eine schrittweise Verkleinerung der Blase. Ihre Stabilität nimmt ab, und sie kann sich teilweise oder vollständig auflösen.

Dieser Prozess ist abhängig von Zeit, Gaszusammensetzung und Durchblutung, beginnt aber früh – oft bereits mit der ersten Sauerstoffgabe.

Sauerstoff wirkt auch entzündungshemmend

Neben den physikalischen Effekten gibt es Hinweise darauf, dass Sauerstoff auch sekundäre Prozesse beeinflusst. Gasblasen lösen im Körper entzündliche Reaktionen aus, aktivieren Endothel, Thrombozyten und das Immunsystem. Diese Reaktionen tragen wesentlich zur Symptomatik und zum Gewebeschaden bei.

Eine hohe Sauerstoffverfügbarkeit kann diese Prozesse abschwächen. Sauerstoff wirkt damit nicht nur auf die Ursache der Blasenbildung, sondern auch auf deren biologische Folgen.

Zeit ist ein entscheidender Faktor

Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Sauerstoffgabe und dem weiteren Verlauf eines Dekompressionsunfalls. Bei einer Auswertung von Fällen, die DAN zwischen 1998 und 2003 bekannt wurden, hat sich gezeigt, dass bei 14% der Patienten die Symptome nur mit der Gabe von Sauerstoff vollständig verschwunden sind, bei weiteren 51% wurde es deutlich besser. Und das sind nur die Fälle, die bei DAN bekannt geworden sind – wenn Sauerstoff alleine ausreicht, wird ja nicht immer die Versicherung informiert. Die Effizienz gerade bei sehr milden Symptomen dürfte noch deutlich darüber liegen.

Je früher Sauerstoff verabreicht wird, desto besser sind die Chancen auf eine vollständige Rückbildung der Symptome und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit bleibender Schäden. Verzögerungen von mehreren Stunden sind mit schlechteren Ergebnissen assoziiert. Jede Stunde ohne Sauerstoff bedeutet, dass überschüssiger Stickstoff länger im Körper verbleibt und schädliche Prozesse fortschreiten können.

Lieber zu früh als zu spät

    Sauerstoff ist bei Tauchunfällen kein Luxus, keine Überreaktion und kein Eingeständnis von Versagen. Er ist eine evidenzbasierte, effektive und vergleichsweise einfache Maßnahme, die frühzeitig eingesetzt werden sollte, sobald ein Dekompressionsunfall auch nur in Betracht gezogen wird.

    Lieber einmal zu viel Sauerstoff geben als einmal zu wenig. Diese Haltung schützt nicht nur den Betroffenen, sondern auch uns selbst vor den Folgen von Zögern, Verdrängung und falscher Zurückhaltung.

     

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