Was die „Basis auf dem Berg“ dazu zu sagen hat
Letztens rief mich nachmittags eine Taucherin an, die mit enem kleinen Wohnmobil unterwegs ist: Sie habe etwas ganz dummes gemacht und sei zur Cumbrecita hochgefahren, so auf 1000m Höhe – das sei ja ganz schlimm, und sie würde jetzt auch schon wieder runterfahren und dann unten auf Meereshöhe übernachten, aber war das jetzt sehr schlimm? Muss sie jetzt Angst haben, dass ihr etwas passiert?
Ich konnte sie beruhigen: Nein, ihr passiert deshalb sicher nichts. Unten am Meer ist es ja eh wärmer, aber ja, sie hätte auch oben übernachten können. Die Tauchgänge waren so sanft, dass das wirklich keine Rolle spielt.
Was mich daran etwas ärgert: Sie hat sich echt Sorgen gemacht, hat wahrscheinlich auf den schöneren Schlafplatz verzichtet – aus einer irrationalen Angst heraus. Und diese Angst wird durch starre Aussagen wie „alles ab 600m ist wie Fliegen“ auch immer wieder neu geschürt.
Lass uns hier einen etwas rationaleren Blick auf Tauchen und Höhenänderungen an Land werfen.
Jeder erinnert sich aus dem OWD daran, dass Fliegen nach dem Tauchen nicht so eine gute Idee ist. Und manche haben auch schon mal etwas davon gehört, dass Berge so was ähnliches sind.
Jetzt gibt es darauf unterschiedliche Reaktionen: Manche denken sich gar nichts dabei, nach zwei fetten Tauchgängen noch das Observatorium auf 2400m zu besuchen (nicht klug), manche trauen sich gar nicht erst zu tauchen, wenn sie danach 700m hoch müssen. Auch keine gute Idee.
Was bedeutet eine Höhenänderung nach dem Tauchen? Welche Druckunterschiede kommen zu denen beim Tauchen dazu? Und in welchem zeitlichen Rahmen? Was könnte dabei im Körper passieren, und was nicht?
Wie ist es denn mit dem Tauchen und der Höhe?
Die Modelle, mit denen wir Nullzeitgrenzen und Dekompression berechnen, sind für das Tauchen auf Meereshöhe ausgelegt – aber gerade im Fall des verbreiteten Bühlmann-Algorithmus auch für größere Höhen validiert. Wenn man in Hähenlagen über 700m taucht, muss man berücksichtigen, dass der Luftdruck geringer ist – alle 1000m macht das in etwa 0,1 bar aus. Und das kann schon einen Unterschied machen: Ein Tauchgang auf 27m in einem Bergsee auf 1000m führt im Verhältnis zum niedrigeren Luftdruck zu einer Übersättigung, wie man sie am Meer auf 30m erreichen würde. Gar nicht so wenig. Aber in Bergseen tauchen Leute, nur halt an die Bedingungen angepasst. Ist ja kein Problem.
Wenn man nach dem Tauchgang wie bei uns noch 700m hoch fährt, sind das gerade einmal 0,07 bar Druckunterschied – so wie noch mal 70cm Wassersäule. Kann das wirklich gefährlich sein?
Dafür kann man das mal simulieren. Ich tauche in 30 min auf 1m ab (Fahrt runter), gehe tauchen, ziehe mich 30min lang um und fahre wieder hoch. So sieht das aus:
Hier in der Heatmap schön zu sehen: Schon die halbe Stunde zusammenräumen führt dazu, dass eine relevante Entsättigung stattfindet. Und die wird duch den 30 minütigen letzten Aufstieg mit einer Geschwindigkeit, die unter Wasser 3cm pro Minute entspricht, nicht gestoppt und auch nicht unverhältnismäßig beschleunigt.
Aber beim bergauf fahren?
So weit die Theorie. Trotzdem berichten Leute davon, dass sie auf der Heimfahrt über Berge plötzlich DCS bekommen haben. Gibt es da doch noch etwas?
- Viele Leute fahren nach dem Tauchen Berge hoch. Auf La Palma nach etwa 50% aller Tauchgänge, die so inselweit durchgeführt werden.
- DCS ist selten, DCS beim Fahren über den Berg noch seltener.
- Beim Tauchen sucht man bei Verletzungen aber gerne einen Schuldigen, oder das eine Verhalten, das jetzt zur Erkrankung geführt hat. Anders als andere Sportverletzungen, die einfach hingenommen werden, muss es hier das PFO, die Dehydrierung, oder eben der Berg gewesen sein.
- DCS tritt gerne noch bis zu 6 Stunden nach dem Tauchen auf – das ist genau die Zeit, in der man halt auf dem Heimweg ist. Egal auf welcher Höhe.
- Es gibt noch nicht mal eine nachweisbare Korrelation, geschweige denn eine Kausalität
Aber da ist ja noch etwas: Die Bläschen, die nach dem Tauchgang nun mal messbar da sind. Die Grafik hier zeigt, zu welchem Zeitpunkt nach einer Serie von Testtauchgängen welches Blasenaufkommen gemessen wurde.
Gut zu sehen: Die Blasen werden nach dem Auftauchen noch langsam mehr, erst 30 min nach dem Tauchgang haben sie ihren Höhepunkt erreicht, nach 90 min sind sie dann wieder fast abgebaut.
Wann genau der Höhepunkt an Blasen erreicht ist, kann natürlich bei jedem anders sein – aber in diesem Zeitrahmen sind es viele. Und der Zeitpunkt kann nach Dekotauchgängen anders sein: Da könnte es, zumindest bei wirklich anspruchsvollen Profilen, schon mal sein, dass die Blasenbildung schon auf 3m startet.
Wir fahren auf La Palma ja manchmal schon hoch, wenn die Blasen gerade auf ihrem Höhepunkt sind. Es macht also Sinn darauf zu achten, dass so wenig Blasen wie möglich da sind. Was bei unseren Landtauchgängen kein Problem ist – wir tauchen so langsam und sanft aus, dass wir meistens mit einem Gradientenfaktor um die 50 zurück an die Oberfläche kommen, eher sogar weniger. Wirklich langsam auftauchen, so bis man sich hinstellen kann, hilft auch dabei, Bläschen einzudämmen. Und wenn man das alles so schön sanft macht, dann müssen einen die 0,07 bar weiterer Druckunterschied auch nicht wirklich kümmern.
Wenn Tauchgänge mal ernster waren, man wirklich mit einem GF von 80 aus dem Wasser gekommen sind – dann kehren wir hier gerne noch auf Meereshöhe ein. Nicht weil die 700m jetzt so schlimm wären, aber weil wir nach so einem Tauchgang halt wirklich gerne erst mal essen und trinken, una dabei auch ganz nebenbei merken, ob alles ok ist…
Ganz sicher gehen
Wenn es dir trotzdem nicht ganz geheuer ist: stell doch einfach deinen Computer in Bergseemodus (700m). Dann könntest du den Tauchgang auhc dann durchführen, wenn du auf 700m Höhe wärst – damit ist das hochfahren abgedeckt.
Und das wichtigste: Nichts spricht gegen einen netten Stop an einem der Kioskos an der Küste, bevor man wieder hochfährt. Da kann man Durst und Hunger stillen und etwas Stickstoff abatmen. Und weil die meisten DCS-Fälle in der ersten Stunde nach dem Tauchen auftreten, ist man danach schon einigermaßen sicher, dass man nichts hat. Oder man glaubt dann halt, dass die Kohlesäureblasen im Dekogetränk jetzt schuld an der DCS sind….
Also: Smart tauchen mit den Berg-Punkfischen
Die Frage nach den Höhenunterschieden nach dem Tauchen stellt sich ganz besonders beim Tauchen in Bergseen, und dort muss man ein paar weitere Dinge beachten. Was genau, erfahrt ihr im Kurs Altitude Diving.
