Dekokrankheit – nach dem Tauchen Flecken auf der Haut, Schmerzen, oder sogar neurologische Ausfälle – das ist bedrohlich. Aber wie häufig kommt die Dekompressionskrankheit eigentlich vor?
Die Zahlen, die dazu im Umlauf sind, wirken zunächst beruhigend. Für das Sporttauchen wird die Inzidenz meist irgendwo zwischen etwa 0,5 und 3 Fällen pro 10.000 Tauchgänge angegeben. Für anspruchsvollere Profile – etwa im technischen Tauchen – geht man von einem höheren Risiko aus. Diese Zahlen haben aber eine Gemeinsamkeit, die selten mitgedacht wird: Sie beruhen fast ausschließlich auf Fällen, die überhaupt irgendwo auftauchen. Also auf Tauchgängen, nach denen jemand medizinische Hilfe gesucht hat, bei einer Hotline angerufen hat oder in einer Druckkammer gelandet ist.
Datensammlungen zu der Frage scheitern meist an zwei Punkten: Weder ist die Zahl der DCS-Fälle bekannt, noch die Zahl der Tauchgänge… Dennoch gibt es eine Reihe an Datensammlungen, die versucht haben, beide Lücken zu füllen.
Einen Überblick über verschiedene Datensammlungen weltweit zwischen 1970 und 2007 haben Dunford et al. ihrer Auswertung der im DAN „Project Dive Exploration“ gesammelten Daten vorangestellt. Hier liegen die Werte zwischen 0,5 und 15:10.000, im Schnitt auf die über 4 Millionen in 14 verschiedenen Projekten gesammelten Daten bei etwa 2:10.000. Zwei dieser Sammlungen haben wir in unsere Übersicht unten aufgenommen. Im Abacus- Projekt (Ladd 2002) wurde ermittelt, wie viele Flaschen von Divecentern in der Region gefüllt wurden, und diese Zahl mit den in der Presse und bei Versicherungen berichteten Fälle verglichen. Und in einem Überblick über Tauchgänge auf einem sehr großen Liveaboard mit eigener Druckkammer lässt sich die Anzahl der Tauchgänge auch exakt bestimmen – und auch die Zahl derjenigen, die sich an Bord behandeln lassen mussten (Gilliam 1991). In diesen beiden Beispielen ist aber die Definition, was als DCS bewertet wird, sehr hoch gehängt: Behandlungsbedürftig, Druckkammer, wurde öffentlich bekannt – hier ist so etwas wie „paar Flecken auf dem Bauch“ nicht mit berücksichtigt.
In dem Project Dive Exploration wurden über viele Jahre (1995 bis 2008) mehr als 120.000 komplette Tauchprofile aus Computern übermittelt und ausgewertet. Diese Studie kommt auf ein Risiko von etwa 0,7:10.000 bei durchschnittlichen Sporttauchgängen, und 3:10.000 für die gesamten Daten, die riskantere Profile einschließen. Als DCS galt hier das, was im Nachhinein von den Wissenschaftlern nach klar nachvollziehbaren Kriterien als DCS anerkannt wurde. Dabei musste es nicht immer die Druckkammerbehandlung sein, aber die Symptome mussten erst einmal berichtet worden sein, und mussten eindeutig auf DCS hindeuten, unklare Symptome wurde nicht aufgenommen. Aus dieser Datensammlung zeigen wir die drei Stränge mit deutlich unterschiedlichen Inzidenzen getrennt voneinander.
Zusätzlich zu den großen Datensammlungen nehmen wir noch einige Studien auf, die wir im nächsten Abschnitt genauer besprechen wollen: Die Ergebnisse aus Umfragen, die ganz anders ausfallen können als die offiziellen Zahlen.
In der Übersicht zeigen wir vier relevante Daten: Wie hoch ist die Inzidenz in dieser Studie – 1:10.000 (104) gilt als Referenz. Viele liegen rund um diesen Wert, doch einige brechen nach oben aus.
Damit wir etwas über die Relevanz der Studie wissen, geben wir die Zahl der Tauchgänge mit an, die ausgewertet wurden.
Wichtig werden dann die nächsten Spalten: Was genau wird in dieser Studie als DCS gewertet, und um welche Art von Tauchgängen geht es?
Inzidenz der Dekompressionskrankheit in verschiedenen Gruppen
Überblick über die Ergebnisse verschiedener Studien
| Inzidenz pro 10.000 |
Tauchgänge | Was zählt als DCS? | Art der Tauchgänge | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| 0,7 | 100.469 | Retrospektiv als DCS anerkannt | Basic Dives | Dunford et al., 2020 |
| 0,9 | 77.680 | Druckkammerbehandlung an Bord | Liveaboard | Gilliam, 1991 |
| 0,96 | 146.291 | Schätzung aus Füllungen und offiziellen Behandlungen | Generell Taucher | Ladd et al., 2002 |
| 1,9 | 458.827 | Retrospektiv berichtete Symptome | Sporttaucher | Leger Dowse et al., 2002 |
| 7,6 | 6.593 | Retrospektiv als DCS anerkannt | Dive Guides Cozumel | Dunford et al., 2020 |
| 14,93 | 127.256 | Selbst wahrgenommene Symptome | Instructor / DM | Hagberg & Örnhagen, 2003 |
| 17,3 | 15.067 | Retrospektiv als DCS anerkannt | Scapa Flow | Dunford et al., 2020 |
| 91 | 2.983 | Selbst wahrgenommene Symptome | Tek-Taucher Kaltwasser | Tuominen et al., 2022 |
Man kann hier sehr deutlich sehen, dass die Inzidenz sehr weit gestreut ist. Dabei fällt auf, dass vor allem in den Studien mit selbst berichteten Fällen deutlich mehr DCS-Fälle auftauchen. Der Verdacht liegt nahe, dass viele Symptome „unter dem Radar“ bleiben und deshalb keinen Eingang in die Statistiken finden.
Natürlich kann es sein, dass einige der hier berichteten Fälle doch kein DCS waren – das lässt sich im Nachhinein noch weniger sicher nachweisen als direkt nach dem Vorfall. Vielleicht ist die höhere Inzidenz der selbst berichteten Fälle gar nicht so besorgniserregend, sondern eher ein Zeichen dafür, dass hier noch etwas zu entdecken ist – dazu später mehr.
Und dann ist es wichtig, über welche Tauchgänge man gerade redet. Die Gruppen mit den extrem hohen Inzidenzen waren Tek-Taucher, die in eiskalten finnischen Gewässern Tauchgänge auf auch mal über 100m unternommen haben, und Taucher in Scapa Flow (Kaltwasser mit Rechteckprofilen in mittlere-Gewebe-Tiefen) – dann kommen Dive Guides, die häufig nach dem eigentlichen Tauchgang noch mal abtauchen um den Anker zu befreien, die nach dem Tauchen schwer tragen und sehr viele Tauchgänge hintereinander machen. Ganz normale Sporttauchgänge hingegen zeigen eine sehr niedrige Inzidenz.
Aber werfen wir erst mal einen Blick auf die selbst berichteten Symptome: Was können sie uns darüber sagen, ob es neben den offiziellen Zahlen eine Dunkelziffer gibt? Und was hat unsere eigene Umfrage zu diesem Punkt ergeben?
Systematische Untererfassung – Wie groß ist die Dunkelziffer?
Die Auflistung der Inzidenzen zeigt eins ganz klar: Wenn selbst wahrgenommene Symptome als DCS gezählt werden, ist die Inzidenz massiv höher als wenn eine Legitimierung (Arzt, Versicherung, Forscher) erforderlich ist. Irgendwo zwischen den „offiziellen“ Zahlen und der Selbsteinschätzung wird eine realistische Zahl liegen.
Um zu einer Einschätzung zu gelangen, wie groß die Dunkelziffer sein könnte, lohnt sich der Blick auf die wenigen Untersuchungen, in denen nach Symptomen gefragt wird, die eventuell nie berichtet wurden. Die drei interessante Beispiele, die wir in die Übersicht aufgenommen haben: eine Erhebung unter schwedischen Tauchprofis; ein Fragebogen des britischen Verbands BSAC an seine Mitglieder; und als aktuelle und vielleicht interessanteste Quelle eine Untersuchung der „Selbstbehandlung“ finnischer Tek-Taucher.
Eine Auswertung der Berichte von Tauchprofis aus Schweden (Hagberg und Örnhagen 2003) ergab ein extrem hohes Risiko von über 1 in 1000 Tauchgängen. In einem Fragebogen wurden über 1500 aktive Divemaster und Instructoren über ihr Tauchverhalten und die von ihnen wahrgenommenen Symptome in einem Jahr befragt. Während im Jahr 1999, das hier abgefragt wurde, nur 23 Fälle von DCS in Schweden in einer Druckkammer behandelt wurden, haben insgesamt 190 der Befragten von Symptomen berichtet. Diese Selbstauskunft ergibt ein Risiko von 1,52 (Männer) bzw. 1,27 (Frauen) pro 1000 Tauchgängen – eine Zahl, die sehr deutlich von den offiziell bekannten abweicht. Die Zahlen geben einen Hinweis darauf, dass Daten aus den Druckkammern bei weitem nicht alle Fälle erfassen können.
In diesem Fragebogen kamen explizit diejenigen zur Sprache, die a) sehr viel tauchen und b) möglicherweise als Gruppe einen etwas entspannteren Umgang mit leichten DCS-Fällen pflegen. Das entspricht natürlich nicht dem Durchschnitt der Taucher. Diesen findet man vielleicht in einer anderen Studie, die auch auf Selbstauskünften beruht, und zwar aus Großbritannien (Leger Dowse 2002). Hier wurden über vier Jahre Fragebögen an Mitglieder des BSAC verschickt, die nicht in erster Linie die Inzidenz von DCS im Blick hatten, sondern vor allem die Unterschiede in der Inzidenz zwischen Männern und Frauen erfassen sollte. Auch hier ergibt sich eine etwas höhere DCS-Inzidenz als 1:10.000, die aber mit 1,9:10.000 Tauchgängen sehr weit hinter den Fällen aus Schweden zurückbleibt. Sichtbar wird aber, dass auch hier ein relevanter Teil gerade der sehr milden Symptome nie offiziell bekannt wird, sondern nur als selbst diagnostiziert auftaucht.
Noch deutlich extremer wird das Verhältnis von behandelter zu nie offiziell gewordener DCS, wenn man sich eine Studie unter technischen Tauchern in Finnland anschaut. Aus dem Kreis der Druckkammerärzte hat eine Gruppe um Laura Tuominen eine Befragung unter technischen Tauchern gestartet, um Fragen zu klären, die bei einer vorangegangenen Auswertung aus über 20 Jahren Druckkammerbehandlungen aufgekommen sind (Tuominen 2022).
In dieser kleinen Gruppe von nur 55 Tauchern haben 17 (!) im Verlauf eines Jahres DCS Symptome berichtet, davon einige mehrmals – insgesamt waren es 27 Fälle. Auf die Tauchgänge hochgerechnet ergibt sich eine Inzidenz von fast 1:100, also ein wirklich fundamental anderes Risiko als allgemein angenommen. Jetzt handelt es sich hier um extrem anspruchsvolle Bedingungen – sehr kaltes Wasser und lange tiefe technische Tauchgänge haben ganz unstrittig ein höheres Risiko – aber dennoch ist diese Zahl unerwartet hoch. Als Bias merken die Autoren selbst an, dass diese Taucher ja wussten, dass sie über Symptome berichten sollen, und sich entsprechend sehr viel genauer beobachtet haben als sonst. Ihr Umgang mit Symptomen zeugt zumindest nicht davon, dass sie in irgendeiner Weise beunruhigt waren: Ruhe, Trinken, abwarten, und manchmal Sauerstoff.
Nur manchmal Sauerstoff? Ja, bei insgesamt nur 7 der 27 Fälle wurde Sauerstoff eingesetzt. Auf die Frage nach dem Warum zitiert die Studie einige interessante Antworten:
„Die Symptome waren so mild oder unklar“, „leichte Schmerzen gehören zu technischen Tauchgängen dazu“, „es gibt zu viele Dinge, die man nach einem Tauchgang tun muss, keine Zeit für Sauerstoff“, „eine Art Schamgefühl, Symptome zu haben“, “weiß nicht, warum ich es nicht benutzt habe, obwohl ich anderen Tauchern beibringe, es zu benutzen“ (aus Tuominen 2022)
Was sich hier bereits andeutet, ist ein sehr zentrales Thema für die Erfassung von Symptomen – vor allem aber auch für den Umgang mit DCS in der Community: Warum wird so ungern darüber geredet? Warum ist diese Erkrankung mit Scham und Schuldgefühlen verbunden? Und was können wir besser machen?
Was sagt unsere eigene Umfrage dazu?
Wir haben Anfang 2026 eine kleine Umfrage gestartet, um von Betroffenen zu hören, wie es ihnen so ergangen ist, wenn sie Symptome einer DCS hatten. In nur wenigen Tagen haben uns erstaunlich viele Antworten erreicht, und die ersten 78 haben wir schon mal ausgewertet.
Wir haben nur die Antworten von Tauchern berücksichtigt, die schon mal DCS hatten, und ihnen verschiedene Antwortmöglichkeiten zur Auswahl angeboten. Aus diesen Antworten lässt sich einiges sehen: Schwere Fälle, die auch mit einer Behandlung in der Druckkammer enden, machen nur einen relativ niedrigen Anteil der Fälle aus. Mehr als die Hälfte hingegen wird niemals bekannt: Die Taucher behandeln es selbst, halten es für nicht so schlimm – oder bemerken erst später, dass es sich um DCS gehandelt haben könnte.
Zusätzlich haben wir nachgefragt, ob denn in irgendeinem Moment die hotline der Versicherung angerufen wurde, die ja auch beratend zur Verfügung steht. Diese Frage kann einen Hinweis darauf liefern, ob der Fall irgendwo erfasst wurde oder nicht. Und hier zeigt sich ein sehr klares Bild: In 58% der Berichte kam es gar nicht erst zu einem Anruf. Diese Fälle sind es mindestens, die in keiner Statistik auftauchen.
Haben wir die Frage nach der Dunkelziffer damit gelöst? Ganz sicher nicht. Zum einen kommen unsere Berichte von einer Gruppe besonders aktiver, besonders gut informierter Taucher, die häufig davon ausgehen, dass sie selber angemessen reagieren können und keine weitere Hilfe benötigen.
Bei weniger erfahrenen Tauchern könnte das Ergebnis anders aussehen – ohne dass wir sagen könnten, in welcher Richtung. Zum einen dürften reine Urlaubstaucher sich mit der Symptomatik weniger auskennen, und deshalb das ein oder andere Anzeichen einfach nicht erkennen. Hinweise darauf liefert zum Beispiel folgender Erfahrungsbericht: „Ich glaube schon [dass ich DCS hatte], habe es als AOWDler aber nicht verstanden. Erst mit dem Einstieg ins Technische Tauchen habe ich verstanden, dass ich ein DCS hatte.“ (ID 1)
Dazu kommt, dass Taucher, die nur sporadisch tauchen, oft keine eigene Versicherung haben – und damit auch kein Wissen darüber, dass man eine hotline anrufen könnte. Ob etwas berichtet wird, liegt dann an der Tauchbasis.
Gleichzeitig darf man aber auch annehmen, dass Gelegenheitstaucher weniger geneigt sind, sich stillschweigend selbst zu behandeln. Wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt, wäre es dann wahrscheinlicher, dass der Fall auch in die offiziellen Berichte Eingang findet.
In welche Richtung das geht, werden wir mangels Daten nicht lösen können. Unser Ziel ist es ja auch nicht, die Dunkelziffer exakt zu bestimmen. Wir können diese Daten aber als Hinweis darauf sehen, dass es eine relevante Dunkelziffer an relativ milden DCS-Fällen gibt.
Warum ist die Frage nach der Dunkelziffer so wichtig?
Im Allgemeinen ist Tauchen ja ein sehr sicherer Sport, und ob es jetzt etwas seltener oder häufiger gerade zu milden Symptomen kommt – ist das wirklich so wichtig?
Ja, das ist es. Und zwar aus mehreren Gründen:
Es wäre doch schön, das Risiko eines Tauchgangs vorher möglichst genau schätzen zu können. Auch wenn das derzeit kaum zuverlässig zu machen ist, ist schon bekannt, dass nicht alle Arten von Tauchgängen das gleiche Risiko haben. Wir können schon in den wenigen Studien sehen, dass die die Diskrepanz zwischen dem Risiko bei einem gemütlichen Nullzeittauchgang im Warmwasser und einem 100m Tauchgang bei eisigen Bedingungen enorm ist. Und um das Risiko einschätzen zu können, braucht es Daten: Wenn jemand nach einem bestimmten Tauchgang Symptome hatte, ist das eine wertvolle Information, die dazu beitragen kann, die Risikoschätzung zu verbessern. Daten über DCS sind daher sehr, sehr wertvoll für die Forschung.
Und dann deutet die Dunkelziffer darauf hin, wie DCS in der Community gesehen wird: Nämlich als etwas, das man besser versteckt. DCS gilt nicht als ganz normale Sportverletzung, sondern es wird immer wieder nach Erklärungen gesucht – und das obwohl die mit Abstand meisten Fälle nach ganz normalen Tauchgängen innerhalb aller anerkannter Grenzen auftauchen. Eine hohe Dunkelziffer ist ein Zeichen dafür, dass zu wenig und zu versteckt darüber geredet wird. Und daran sollten wir als engagierte Taucher dringend etwas ändern.