Warum bekommt man DCS?

Wenn irgendwo erwähnt wird, dass jemand Symptome der Dekompressionskrankheit (DCS) hatte, dauert es keine fünf Minuten, bis die Diskussion kippt. In Foren und auf Social Media läuft das erstaunlich zuverlässig nach demselben Muster ab: Erst Mitgefühl, dann Analyse, dann der Versuch, den Fall „einzuordnen“. Dehydriert. Zu alt. Zu wenig fit. Zu dick. Bestimmt ein PFO. Oder Kälte. Am Ende steht fast immer die implizite Botschaft: Das hatte einen klaren Grund – und der trifft mich nicht.
Warum Menschen so reagieren, besprechen wir sehr ausführlich auf der Seite „Über DCS reden“. Dort stellen wir auch nach und nach die Ergebnisse einer eigenen Umfrage zu DCS vor.

Wenn wir ernsthaft verstehen wollen, was DCS wahrscheinlicher macht, müssen wir zwei Dinge gleichzeitig aushalten: Wir wissen, dass Blasen allein kein zuverlässiger Indikator für DCS sind. Und wir wissen genauso sicher, dass es Gründe geben muss, warum manche Menschen bei einem bestimmten Tauchprofil Symptome entwickeln, während andere – und manchmal sogar sie selbst bei früheren Tauchgängen – völlig unauffällig bleiben. Diese Gründe sind aber trotz aller Forschung bislang weitgehend unklar.

Genau hier beginnt das Thema Risikofaktoren. Welche Dinge haben denn nachweisbar einen Einfluß auf das Risiko? Welche körperlichen Gegebenheiten, welches Verhalten und welche Tauchprofile machen DCS wahrscheinlicher? Und dabei lohnt es sich, sauber zu trennen zwischen dem, was wir wirklich wissen, und dem, was wir plausibel vermuten – und auch klarzustellen, bei welchen Faktoren sich kein Einfluss nachweisen lässt.

Die Studie, aus der die meisten Informationen stammen und die wir immer wieder zitieren, ist die große Datensammlung von DAN Europe. Knapp 40.000 ausgewertete Tauchprofile, knapp 1000 Blasenmessungen, etwa 320 DCS-Fälle – das ist die mit Abstand aussagekräftigste aktuelle Empirie aus realen Sporttauchgängen. Weitere Texte zum Thema sind ganz unten im Artikel verlinkt.

Der eigene Körper

Was wirklich Einfluss hat

Alter und Körperfett

In der größten Analyse realer Sporttauchgänge, durchgeführt von DAN Europe, zeigt sich, dass mit zunehmendem Alter und mit höherem Körperfettanteil das Risiko, nach dem Tauchen Blasen zu entwickeln, ansteigt. Und auch die Rate an DCS-Fällen wird größer. Hier spielt neben Alter und Körpefett auch noch das Geschlecht eine Rolle: Frauen bekommen etwas häufiger DCS als Männer.
Das bedeutet nicht, dass Tauchen für ältere Menschen und solche mit etwas mehr Körperfett „gefährlich“ sei. Das Risiko bleibt trotzdem sehr gering – es ist nur eben ein wenig höher als bei jungen, schlanken, topfitten Menschen. Das gilt für ziemlich viele Aktivitäten, und ein angemessener Umgang damit ist der, mit zunehmendem Alter weniger Grenzen auszutesten. Die meisten Menschen tun das ja ganz automatisch – beim Tauchen bedeutet es, den Computer irgendwann etwas konservativer einzustellen und vielleicht nicht mehr jeden Tauchgang mitzumachen.

PFO (Persistierendes Foramen Ovale)

Das Thema PFO wird unter Tauchern sehr prominent diskutiert und ist definitiv ein Risikofaktor – aber auch nicht mehr. Die physiologische Idee, warum ein PFO problematisch sein kann, ist plausibel: Durch die Öffnung zwischen den beiden Herzkammern können venöse Blasen in den arteriellen Kreislauf gelangen, besonders dann, wenn man sich nach dem Tauchen stark anstrengt. Es gibt auch Muster, dass bestimmte DCS-Formen – etwa neurologische Symptome oder bestimmte Hauterscheinungen – häufiger mit einem PFO assoziiert sind.

Was daraus oft gemacht wird, ist allerdings eine grobe Verkürzung. Ein PFO ist häufig, etwa 25% der Taucher haben eins, DCS ist selten. Ein PFO allein erklärt deshalb fast nie einen DCS-Fall. Es ist nur einer von vielen Risikofaktoren, und bei ganz bestimmten Formen „unerklärbarer“ DCS kann darüber nachgedacht werden, das mal zu testen. Ein allgemeines „Du hattest DCS? Unbedingt PFO testen!“ ist hingegen absolut unangebracht.

PFO - Bild: MAYO Foundation

Was ist ein PFO?

Ein PFO ist eine kleine Öffnung zwischen rechter und linker Herzkammer, durch die Blut – und damit auch Blasen im Blut – von der venösen auf die arterielle Seite des Blutkreislaufs übertreten können. Der Embryo braucht diese Öffnung, damit Sauerstoff über den Blutkreislauf der Mutter in den Körper kommt. Bei den meisten Menschen schließt sich das PFO in den ertsen Lebensjahren, aber bei 25-30% bleibt eine Öffnung zurück.

Umgang mit dem Thema PFO: Der medizinische Konsens

Weil dieses Thema alle paar Jahre wieder „entdeckt“ und oft aggressiv diskutiert wird, gibt es von weltweit führenden Tauchmedizinern einen diskutierten Konsens dazu.

  • Taucher präventiv auf ein PFO zu testen wird vehement abgelehnt: Mögliche Schäden und Verunsicherungen stehen in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen.
  • Ein Test kann sinnvoll sein, wenn es zu DCS mit PFO-tyischer Symptomatik gekommen ist, muss dann aber korrekt durchgeführt werden
  • Über einen Verschluß, der ein Risiko anhaltender Schäden mit sich bringt, kann nachgedacht werden, wenn Low Bubble Diving alleine keine Option ist und das Tauchen für die Person essentiell ist

SPUMS: Joint position statement on artrial shunts and diving, Update 2025

Was sein könnte

Mit der Aussage „es ist einfach nur das Alter und das Körperfett“ greift man wahrscheinlich zu kurz, auch wenn andere Faktoren wirklich schwer nachweisbar sind. Gundsätzlich ist es sehr wahrscheinlich so, dass die generelle Fitness und der allgemeine Gesundheitszustand auch einen Einfluß darauf haben, wie groß das Risiko ist, dass ein Tauchgang mit DCS endet. Das Problem ist: Um genauer zu bestimmen, wie groß der Einfluss von welchen Faktoren genau ist, fehlen schlicht Daten.

Vorerkrankungen, chronische Entzündungsprozesse, endotheliale Dysfunktion, Narbengewebe, individuelle Unterschiede im Immunsystem – all das sind Faktoren, für die es gute Hinweise gibt, dass sie beeinflussen, wie der Körper auf Dekompressionsstress reagiert. Sie könnten erklären, warum Blasen bei manchen Menschen stumm bleiben und bei anderen Symptome triggern.

Dieser ganze Themenkomplex wird unter dem Stichwort „individuelle Dekompression“ seit vielen Jahren erforscht. Verbunden ist das mit der Hoffnung, dass Taucher besser vestehen können, wo genau ihre individuelle Belastungsgrenze liegt. Vielleicht kommt es in diesem Bereich in den nächsten Jahren zu neuen Erkenntnissen – für den Moment müssen wir leider akzeptieren, dass sehr vieles hier unklar ist.

Die Tauchbedingungen

Was nachweisbar das Risiko senkt

Geringere Übersättigung = niedrigeres Risiko

Klingt banal, aber: Ja, der größte Risikofaktor lässt sich aus dem Tauchprofil ablesen. Leider nicht so, dass man klar sagen könnte, mit welchem Profil man DCS bekommen wird – zumindest nicht, wenn man innerhalb anerkannter Grenzen taucht. Aber: tiefer, länger und ein höherer erreichter maximaler Gradientenfaktor führen statistisch auch zu etwas mehr DCS-Fällen.
Je höher die Übersättigung, umso größer ist auch das Risiko, dass es zu DCS kommt. Dabei geht es nicht nur um Tauchgänge, bei denen Grenzen missachtet wurden, sondern um die ganz normale Übersättigung, die man beim Tauchen akzeptiert. Die meisten DCS-Fälle in der DAN Datenbank kommen bei Tauchgängen zustande, bei denen Gradientenfaktoren zwischen 70 und 90 erreicht wurden – also bei Sporttauchgängen gut innerhalb der Nullzeitgrenzen. Bei GFs unter 60 kommt es nur noch extrem selten zu DCS.
Mehr zu dem Thema Gradientenfaktoren gibt es in einem eigenen Blogbeitrag.

Die Sache mit der Kälte

Und dann ist da die Kälte. Das ist einer der seltenen Fälle, in denen die Datenlage ungewöhnlich klar ist. Untersuchungen der U.S. Navy Experimental Diving Unit haben gezeigt, dass Kälte während der Dekompression das DCS-Risiko signifikant erhöht. Besonders problematisch ist das klassische Szenario: warm am Grund, kalt beim Auftauchen und bei den Stopps.

Der Mechanismus ist gut nachvollziehbar. Wärme am Grund führt zu guter Durchblutung der Peripherie und damit zu höherer Inertgasaufnahme in diesen Geweben. Wenn es bei der Dekompression kalt wird, ziehen sich die Gefäße zusammen, die Durchblutung der Extremitäten sinkt, und genau dort wird der Abtransport des Gases behindert. Übersättigungen steigen, Blasenbildung wird wahrscheinlicher.

Umgekehrt ist der Effekt ebenfalls relevant: kalt bei der Gasaufnahme, warm bei der Dekompression ist deutlich günstiger. Kälte ist damit einer der wenigen Risikofaktoren, die wirklich klar nachweisbar sind.

Aber was tun? Dass es am Ende des Tauchgangs etwas kühl wird, kennen die meisten selbst in tropischen Gewässern. Wenn der Tauchgang anspruchsvoller ist als Fische gucken im Flachen ist es sinnvoll, sich über einen ausreichenden Kälteschutz Gedanken zu machen. Das kann der etwas dickere Anzg sein, oder die Heizweste unter dem Trocki, die man gezielt am Ende des Tauchgangs anschaltet. 

Was sein könnte

Anstrengung

Nicht ganz so eindeutig, aber doch sehr wahrscheinlich, ist der Zusammenhagng zwischen der Arbeitslast beim Tauchen und DCS. Die Datenbank zeigt, dass bei Strömung und Anstrengung unter Wasser das Risiko, DCS zu bekommen, steigt. Nicht dramatisch, aber eben messbar.
Das hat auch eine gewisse Logik, vor allem dann, wenn die Anstrengung zum Ende des Tauchgangs weniger wird. Wenn man in der Phase, in der man Inertgase aufnimmt, etwas angestrengter schwimmt, sich mehr bewegt, den Kreislauf hochfährt, wird Stickstoff besser im Körper verteilt. Kommt es dann am Ende des Tauchgangs dazu, dass man sich ewas mehr ausruht, verhält sich der Körper in der Entsättigugsphase anders als in der Sättigungsphase und eliminiert tendeziell weniger Stickstoff. Und das kann einen näher an kritische Grenzen bringen.

Nitrox

Viele glauben ja fest daran, dass Tauchen mit Nitrox sicherer sein. Grundsätzlich stimmt natürlich eins: Wenn man mit Nitrox den selben Tauchgang macht wie mit Luft, komt man mit einer geringeren Übersättigzung aus dem Wasser, der Tauchgang ist also sicherer. Das gilt aber eben nur im Vergleich zu dem selben Tauchgang mit Luft. Da Nitrox oft verwendet wird, um dann die längeren Nullzeiten zu genießen, wird das Tauchen mit Nitrox eben nicht automatisch sicherer. Statistisch lässt sich zumindest kein Unterschied im DCS-Risiko zwischen Lufttauchgängen und solchen mit Nitrox nachweisen.

Was überbewertet wird….

Reihenfolge

„Tiefster Tauchgang zuerst“ ist eine orstellung, die sich extrem hartnäckig hält und manchmal auf geradezu absurde Weise durchgesetzt wird. Da MUSS man auf Tauchsafari beim ersten Tauchgang tief, weil ja der zweite an einem Wrack auf 30m ist, und dann ja der erste nun mal tiefer sein muss – als wäre es nicht sicherer, die gesamte Sättigung über den Tag etwas niedriger zu halten. Oder es kommt bei DCS zu dem Vorwurf, warum man denn dne zweiten Tauchgang tiefer gemacht habe als den ersten – 18m als zweiten, 6m als ersten… nun ja….
Dabei handelt es sich wirklich um einen Mythos. Die Reihenfolge der Tauchgänge ist egal – die Dekompression wird eben länger, oder die Nullzeitgrenzen kürzer, wenn schon eine Vorsättigung da ist. Wenn man möglichst viel Zeit in der Tiefe haben möchte, ist es effizienter, den tiefsten Tauchgang ohne Vorsättigung zu machen. Das ist aber auch schon alles.

Verhaltensweisen rund um den Tauchgang

Was wir glauben zu wissen

Gerade wenn es um das geht, was man vor und nach dem Tauchen so alles machen oder bleiben lassen sollte, gibt es viele starke Meinungen. Dahydration sei ja so gefährlich, man müsse ganz viel trinken, und Sport machen lieber nicht, und auf ganz gar keinen Fall darf man nach dem Tauchen heiß duschen!
Das Problem an der Sache: Man weiß eigentlich viel weniger über all diese Faktoren, als die Meinungen vermuten lassen würden. Studien sind oft widersprüchlich, statistisch nicht signifikant, und man kann schlecht herausfinden, welche Faktoren in welchem Ausmaß zu der Entstehung von DCS-Symptomen beigetragen haben. Auch hier liegt das „Problem“ darin, dass DCS bn selten ist, und deshalb wenige Daten verfügbar sind.
Bei einigen Verhaltensweisen lässt sich gut begründen, dass sie einen Risikofaktor darstellen könnten – aber mehr auch nicht.

Möglicherweise kritisch

Anstrengung nach dem Tauchen

Aus dem Wasser kommen und erst mal jede Menge schweres Gerät durch die Gegend wuchten? Gerade technische Taucher sind geneigt, hier Vorsicht walten zu lassen. Wenn viele Flaschen aus dem Wasser müssen, vielleicht auch noch ein Stück weiter zu tragen sind, kann das ein Risikofaktor sein. Bei großer Anstrengung könnten Gasblasen Shunts im Herz oder in der Lunge passieren, und die Entstehung von DCS-Symptomen begünstigen. Auch wenn es keine eindeutigen Studien dazu gibt, ist die Idee plausibel genug, um lieber ganz langsam eine Flasche nach der anderen zu schleppen…
Auch anspuchsvolle sportliche Tätigkeiten nach dem Tauchen sind wahrscheinlich mit etwas Vorsicht zu betrachten. Den Kreislauf anzukurbeln führt zu einer erhöhten Durchblutung, der Stickstoff wird schneller wieder abgegeben, und das könnte den Entsättigungsvorgang etwas zu aggressiv machen. Also vielleicht einfach kein Marathon mehr am selben Tag, aber gegen einen Spaziergang spricht nun wirklich nichts.

Dehydration

Niemand weiß genau, wann dieses Thema unter Tauchern so relevant geworden ist – aber der Glaube, dass Dehydration eine der Hauptursachen von DCS sei, ist extrem weit verbreitet. 
Dazu ein paar Fakten: Ja, Tauchen dehydriert. Man verliert bei einem Tauchgang im Schnitt knapp einen Liter Wasser, bei mehreren Tauchgängen am Tag wird es etwas weniger. Deshalb ist man nach dem Tauchen tendenziell leicht dehydriert – ob man nun DCS bekommt oder nicht.
Studien haben gezeigt, dass Personen, die vor dem Tauchen nichts trinken, mehr Blasen entwickeln als solche, die angemessen trinken. Aber: auch wenn man zu viel trinkt, entstehen mehr Blasen. Von einem eindeutigen Ergebnis kann man hier also nicht reden.

Zu viel Wasser zu trinken birgt auch Risiken, da es den Elektrolyt-Haushalt im Körper durcheinander bringen kann. Es ist also sicher sinnvoll, ausreichend zu trinken, vor allem in Regionen mit heißem, trockenen Klima – aber der Zusammenhang zwischen Dehydration und DCS ist ei weitem nicht so klar, wie oft behauptet wird.

Und was mache ich daraus?

Wenn man all das zusammennimmt, bleibt ein nüchterner Kern übrig. DCS entsteht aus einer kritischen Übersättigung, aber wo genau für eine bestimmte Person an einem konkreten Tag die Grenze überschritten ist, weiß man nicht vorher. Kälte während der Dekompression ist ein ungewöhnlich klarer Risikoverstärker, die Arbeitslast ist relevant, und auch Alter und Körperzusammensetzung verschieben das Risiko. Aber ein großer Teil des Risikos liegt in biologischen Faktoren, die wir derzeit nicht zuverlässig messen oder steuern können.

Vielleicht ist das der wichtigste Punkt überhaupt: DCS nicht zu moralisieren, weder bei sich selbst noch bei anderen. Wir kennen die Risikofaktoren nicht genau, also kann man auch keine Ursache benennen, wenn jemand nun mal DCS bekommt. Akzeptieren wir doch einfach, dass Tauchen – wie jede ernsthafte Aktivität – ein Restrisiko trägt, und reden darüber ohne Schuldzuweisungen oder die verzweifelte Suche nach einem Grund.

Zum weiterlesen

DAN Datensammlung

Cialoni 2017: Dive Risk Factors, Gas Bubble Formation, and Decompression Illness in Recreational SCUBA Diving: Analysis of DAN Europe DSL Data Base

NEDU Studie Kälte

Gerth 2007: The Influence of Thermal Exposure on Diver Susceptibility to Decompression Sickness

DCS Fälle in unterschiedlichen Tauchbedingungen

Dunford 2020: A study of decompression sickness using recorded depth-time profiles

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