Sauerstoff bei Tauchunfällen
Warum Sauerstoff bei jedem Tauchunfall?
Sauerstoff ist unter Tauchern bekannt als das eine, wichtige Notfallmedikament. Tauchunfall? Sauerstoff geben – das lernt man schon im OWD, und das aus einem guten Grund. Sauerstoff ist genau das, was nachweisbar den Ausgang massiv verbessern kann.
Außerhalb des Tauchens spielt Sauerstoff eine eher geringe Rolle. Wenn ein Rettungsdienst Sauerstoff dabei hat, geht es normalerweise darum, dass jemand nicht genug Sauerstoff im Körper hat. Beim Tauchen ist das nur manchmal der Grund. Der eigentlich wichtige Einsatz von Sauerstoff ist die Dekompressionskrankheit – und da macht der Sauerstoff etwas ganz anderes: Er hilft uns, den Stickstoff aus dem Körper zu bekommen.
Kurz gesagt gibt es drei Gründe, Sauerstoff zu geben:
- Lungenverletzungen: dem Körper Sauerstoff anbieten, weil die Lunge nicht mehr genug aufnehmen kann.
- DCS: den Stickstoff loswerden.
- Unklare Lage, aber irgendetwas stimmt nicht: Vielleicht hilft es – schaden kann es nicht.
Lungenüberdehnungsverletzungen
Beim Tauchen gibt es zwei tauchspezifische Unfallarten. Die erste sind Lungenüberdehnungsverletzungen, also ein Barotrauma der Lunge: Pneumothorax, Mediastinal- oder Hautemphysem und die arterielle Gasembolie (AGE). Teile der Lunge werden verletzt, und Luft kann an ganz unterschiedlichen Stellen austreten.
Das passiert typischerweise direkt beim oder nach dem Auftauchen – meistens durch einen zu schnellen Aufstieg, manchmal mit einer schon vorgeschädigten Lunge, die den Aufstieg nicht verkraftet. Die Folgen können sehr schwer sein: Probleme in der Lunge, aber auch im Gehirn bis hin zu Bewusstlosigkeit oder Herzstillstand. Manches sieht einem Schlaganfall sehr ähnlich.
Wenn Teile der Lunge verletzt oder sogar kollabiert sind, ist der Gasaustausch eingeschränkt, und der Körper bekommt nicht mehr genug Sauerstoff. Hier geht es also tatsächlich darum, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen.
Aber: Solche Verletzungen gehen nicht von allein wieder weg. Hier hat zuerst der Notruf Priorität, und wenn nötig die Wiederbelebung. Wenn das läuft, gibst du Sauerstoff.
Wasser eingeatmet: Sauerstoffversorgung gestört
Auch nach einem Ertrinkungsunfall kann Sauerstoff wichtig sein. Wenn Wasser in die Atemwege gelangt, kann der Gasaustausch beeinträchtigt werden. Hier geht es tatsächlich darum, dem Körper mehr Sauerstoff zur Verfügung zu stellen.
Husten, Atemnot oder auffällige Erschöpfung nach einem solchen Ereignis gehören medizinisch abgeklärt. Bei Atemnot oder Bewusstseinsstörungen rufst du sofort den Rettungsdienst.
Entscheidend bleibt die Atmung: Wer selbstständig ausreichend atmet, kann Sauerstoff über eine geeignete Maske bekommen. Wer nicht normal atmet, braucht die entsprechenden Wiederbelebungsmaßnahmen. Eine Sauerstoffmaske allein bewegt keine Luft in die Lunge.
DCS – die Dekompressionskrankheit
Viel häufiger brauchen wir Sauerstoff bei der Dekompressionskrankheit (DCS). Vermutlich beteiligt sind Stickstoffblasen, die an unterschiedlichen Stellen im Körper Probleme machen. Einiges weist darauf hin, dass bestimmte übersättigte Gewebe mit bestimmten Symptomen zusammenhängen. Wie DCS genau entsteht, verstehen wir bis heute nicht vollständig – aber wir wissen sehr gut, dass Sauerstoff viele Symptome deutlich verbessert. Als Erste Hilfe taugt er also auf jeden Fall.
Wichtig ist auch: DCS ist ein mehr oder weniger kontrollierbares Risiko, das sich aber nie ganz beseitigen lässt. Wir müssen irgendwann auftauchen und akzeptieren dabei immer eine gewisse Übersättigung. Auch nach ganz normalen Tauchgängen, bei denen nichts schiefgelaufen ist, kann eine DCS auftreten. Wenn du dich nach dem Tauchen komisch fühlst, denk deshalb immer daran, dass es etwas mit dem Tauchen zu tun haben könnte.
Leichte Symptome
- leichte Gelenkschmerzen
- „Taucherflöhe“: Hautjucken und leichte Rötungen
- heftige Müdigkeit
Nicht jede Müdigkeit nach dem Tauchen ist DCS – Tauchen ist anstrengend, man steht in der Sonne, manche reagieren auf das Neopren. Kein Grund zur Panik. Aber: Hautsymptome können Vorläufer größerer Probleme sein, und Müdigkeit kann mit neurologischen Ausfällen verwechselt werden. Alles, was eine fortschreitende Tendenz zeigt, sollte wirklich ernst genommen werden! Lass dir dann auch nicht ausreden, dass da etwas ist.
Haut-DCS (Cutis marmorata)
Ein Zwischending sind landkartenartige, leicht geschwollene und oft schmerzhafte Hautflecken – Cutis marmorata oder Livedo racemosa. Früher galten sie als mildes Symptom. Inzwischen weiß man, dass sie häufig mit neurologischen Symptomen einhergehen und Vorläufer schwererer Formen sein können. Hier gilt: Sauerstoff geben, auf jeden Fall bei der Notfall-Hotline von DAN oder aqua med anrufen, Fotos schicken – und nicht darauf verlassen, dass es wieder weggeht, auch wenn es mit Sauerstoff erst einmal besser wird.
Bilder und weiterführende Informationen:
Hartig F, Reider N, Sojer M, Hammer A, Ploner T, Muth CM, Tilg H, Köhler A. Livedo Racemosa – The Pathophysiology of Decompression-Associated Cutis Marmorata and Right/Left Shunt. Front Physiol. 2020 Sep 3;11:994. doi: 10.3389/fphys.2020.00994.
Schwere Symptome
- mittlere bis starke Schmerzen
- Koordinationsstörungen
- Seh- und Sprachstörungen
- Schwindel
- Bewusstlosigkeit
Die Liste möglicher Symptome ist lang, und manche lassen sich leicht mit anderem verwechseln, zum Beispiel mit einem Schlaganfall. Wenn sich jemand nicht mehr normal verhält, offensichtlich Schmerzen hat, schwankt oder den Anzug nicht mehr ausgezogen bekommt: Das ist der Moment, den Sauerstoff zu holen und Hilfe zu rufen – und nicht zu warten, ob es von allein besser wird.
Was macht Sauerstoff bei DCS?
Bei DCS ist das Problem nicht zu wenig Sauerstoff, sondern zu viel Stickstoff: Bläschen im venösen Blut und in den Geweben, und dazu der Stickstoff, der nach dem Tauchgang noch in den Geweben steckt und die Bläschen größer machen kann. Wir wollen also genau eine Sache: den Stickstoff so schnell wie möglich aus dem Körper bekommen.
- Wer 100 % Sauerstoff atmet, hat in den Lungenbläschen (Alveolen) nur noch Sauerstoff und keinen Stickstoff mehr.
- Dadurch wird das Druckgefälle für Stickstoff zwischen Blut und Lunge viel größer, und der Stickstoff kann viel schneller abgeatmet werden.
- Das Blut, das zurück in den Körper fließt, bringt kaum noch Stickstoff mit und kann so aus allen Geweben mehr abtransportieren.
Sauerstoff gegen Blasen
Und dann ist da noch ein bisschen Magie: Um eine Stickstoffblase herum ist jetzt kaum noch Stickstoff, aber viel Sauerstoff. Stickstoff wandert aus der Blase heraus, Sauerstoff hinein – und der Sauerstoff wird vom Körper verbraucht. Am Ende ist die Blase kleiner und kann über die Lunge abgeatmet werden. Ob das im Körper genau so abläuft, wissen wir nicht sicher. Dass Sauerstoff wirkt, ist aber eindeutig nachgewiesen.
Es geht nicht um die Sauerstoffsättigung!
Bei DCS ist die Sauerstoffsättigung im Blut in der Regel gut. Das kleine Messgerät am Finger zeigt also oft schöne Werte – und trotzdem braucht die Person so viel Sauerstoff wie möglich. Rettungskräfte, die selten mit Tauchunfällen zu tun haben, drehen den Sauerstoff manchmal herunter, wenn die Sättigung stimmt. Bei anderen Notfällen ist das klug, bei uns nicht. Hier darfst du dich ruhig einmischen und erklären, warum es um den Stickstoff geht und nicht um die Sättigung.
So viel wie möglich, so lange wie möglich – ohne Pausen
Entscheidend ist eine möglichst hohe Konzentration, so lange wie möglich, ohne Unterbrechung. Wer alle paar Minuten die Maske absetzt, um zu trinken oder zu erzählen, atmet wieder Stickstoff ein und macht einen Teil des Erfolgs zunichte – es dauert jedes Mal, bis sich das Gefälle im ganzen Körper wieder aufgebaut hat.
Und wenn der Vorrat begrenzt ist: Nie die Konzentration senken, um die Zeit zu verlängern! Lieber kürzer mit voller Konzentration als länger mit wenig Sauerstoff – oder nur jeden dritten Atemzug. Dann bringt er kaum noch etwas.
Sauerstoff bei diffusen Symptomen
DCS zeigt sich auf sehr unterschiedliche Arten. Aus leichten Symptomen wie extremer Müdigkeit oder leichten Flecken können sich schwere entwickeln, und Blasen bilden sich auch noch länger nach dem Tauchgang.
- Wenn irgendein Unwohlsein etwas mit dem Tauchen zu tun haben könnte, ist Sauerstoff erst einmal die richtige Entscheidung.
- Beobachten – und die Notfall-Hotline von DAN oder aqua med anrufen. Die Hotlines helfen dir auch, wenn die Person dort nicht versichert ist, und du bekommst eine qualifizierte Einschätzung, ob Rettungswagen und Druckkammer nötig sind.
- Wenn du glaubst, dass es ernst ist: Notruf. Einmal zu viel angerufen schadet nicht.
Und nicht vergessen: Auch andere gesundheitliche Probleme können nach dem Tauchen auftreten. Nicht alles, was nach dem Tauchen passiert, kommt vom Tauchen. Wenn du Sauerstoff gibst, behalte also im Blick, was die Person sonst noch hat.
Beobachten, ohne daraus eine Untersuchung zu machen
Während der Sauerstoff läuft und Hilfe organisiert wird, bleibst du bei der Person. Frag, was sie spürt und seit wann. Achte darauf, ob sie klar antwortet und ob sich ihr Zustand verändert.
Ein paar einfache Checks können zusätzliche Hinweise geben:
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Orientierung: Wie heißt du? Wo sind wir gerade? Welcher Tag ist heute ungefähr?
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Sprache: Kann die Person verständlich erzählen, was passiert ist? Klingt die Sprache anders als sonst?
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Handkraft: Lass sie gleichzeitig mit beiden Händen deine Finger drücken. Ist eine Seite deutlich schwächer? Frag nach, ob dieser Unterschied schon vorher bestand.
Notiere Auffälligkeiten mit Uhrzeit. Neue Schwäche, Verwirrtheit oder Sprachstörungen sind Gründe für den sofortigen Notruf.
Unauffällige Antworten und gleich kräftige Hände schließen eine DCS nicht aus. Die Checks dürfen weder den Notruf noch die Sauerstoffgabe verzögern.
Übrigens: Wer das ausführlicher kennenlernen möchte, findet in unserem Neuro-Check weitere Beobachtungen und Übungen.
Was die nächsten Helfer wissen sollten
Im Notfall geht schnell durcheinander, was wann passiert ist. Ein paar Notizen helfen:
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Wann war der letzte Tauchgang beendet?
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Welche Beschwerden sind wann aufgetreten?
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Seit wann bekommt die Person Sauerstoff, und über welches System?
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Was hat sich seitdem verbessert oder verschlechtert?
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Welche bekannten Erkrankungen oder Medikamente könnten wichtig sein?
Halte den Tauchcomputer und die Informationen zu den letzten Tauchgängen bereit. Hautveränderungen lassen sich mit Zustimmung der Person fotografieren.
Auch wenn die Beschwerden verschwinden: Gib diese Information weiter und lass das weitere Vorgehen medizinisch abklären. Eine Besserung unter Sauerstoff ist keine Entwarnung.
