Ein Tauchlehrer steht nicht mit beiden Flossen fest auf dem Boden.

Tauchlehrer stehen bei der Ausbildung von Anfängern vor einer schwierigen Frage. Wir wollen autonome Taucher ausbilden, die Schüler sollen nach dem Kurs alleine tauchen können. Aber während sie lernen, sind wir dafür verantwortlich, dass ihnen nichts passiert.
Wie man damit umgeht, diskutiert man in jedem Tauchlehrerkurs, ich gerade sehr intensiv in unserem letzten ITC. Es gibt unterschiedliche Stile, angepasst an unterschiedliche Bedingungen, und den einen richtigen Weg kenne ich auch nicht. Aber einen, den ich ganz eindeutig für falsch halte, durfte ich vor einiger Zeit beobachten und möchte daran erklären, was ich für vernünftig halte – und was nicht.

Szenen einer Instructor – Ausbildung

Irgendwo in einer Tauchlehrer-Ausbildung. Freiwasser, gut 5 Meter. Klare Sicht, keine Wasserbewegung. Bessere Bedingungen gibt’s im Aquarium nicht.

Auf dem Programm: Wie organisiert man eine Gruppe von Schülern im Freiwasser? Spannende Frage. Nur wird sie nicht gestellt. Stattdessen gibt’s eine klare Ansage: Schüler an die Bojenleine. Und der Assistant Instructor hält sie zusätzlich fest, von hinten. Doppelt hält besser.

Dann die Demo. Der Ausbilder macht sich so negativ wie möglich, stellt sich mit beiden Flossen fest in den Sand, packt einen Schüler am Schnellablass – und hält ihn, während der den Inflator drückt. Oh, wie gefährlich.

Die Übung heißt „neutrale Tarierung“.

Ja. WIRKLICH.

Mal ehrlich: Dieser Schüler hat den Skill schon im Flachen geübt, bis er ihn konnte – Mastery, nicht „hat irgendwie geklappt“, wenn der Tauchlehrer seinen Job richtig gemacht hat. Im Freiwasser zeigt er nur noch, dass er’s hier auch kann. Beim Tauchgang direkt danach drückt er den Inflator ständig, ohne dass ihm jemand am Jacket hängt. Und zwei Tage später geht er mit seinem Buddy tauchen. Ohne Leine, ohne Assistent, ohne Ausbilder im Sand.

Wenn man ihn bei der Übung so festhalten muss – was genau zertifizieren wir dann eigentlich?

Worum es eigentlich geht

Gruppenkontrolle klingt nach Schäferhund und Herde, meint aber etwas ziemlich Präzises: Der Tauchlehrer weiß jederzeit, wo jeder seiner Schüler ist und wie es ihm geht. Und er kann eingreifen, bevor aus einem kleinen Problem ein großes wird.

Die SSI-Standards formulieren das nüchtern: Schüler bleiben während sie die Übungen machen unter direkter Aufsicht, „so that physical contact can be made at any time“ – so, dass jederzeit Körperkontakt möglich ist. Kontakt herstellen können – nicht Kontakt halten.

Genau an diesem Unterschied hängt alles, was in der Szene oben schiefläuft. Schauen wir uns das in drei Fragen zu Sicherheit und Kontrolle an.

Tarieren als Gewohnheit – wie kommt man da hin?

„Buoyancy is not a skill – it’s a habit.“ Tarierung ist keine Übung, die man einmal vorführt und abhakt. Man regelt ständig nach – beim Abtauchen, bei jedem Meter, mit jedem Atemzug. Luft. Steigt. Nach. Oben. Immer.

Deshalb tarieren unsere Schüler von Anfang an. Wir zeigen die Diving Position – liegend, schwebend, mit mehr oder weniger Bodenkontakt. Knien ist am Anfang okay, wenn es in dem Moment hilft. Der Instructor bleibt neutral tariert, das ist die Version zum nachmachen. Am Ende des Open Water Kurses braucht niemand mehr den Boden, um einen Skill zu machen. Ausführlich dazu unser Blogbeitrag zum Thema Schweben oder Knien.

Allein sind wir damit nicht. SSI hat in den Standards das klare Ziel, Schüler so schnell wie möglich in die „Diving Position“ zu bringen; bei PADI ist neutrale Tarierung bei Skills auch sehr erwünscht, und manche Organisationen mit mehr Tek-Bindung machen sie sogar zur Vorgabe.

Wer seinen Schülern das Schweben beibringt, sollte es selbst vormachen. Ein Tauchlehrer, der sich bleischwer in den Sand stellt, wirbelt Sediment auf – aus bester Sicht wird so recht zuverlässig schlechte. Und er zeigt sehr deutlich, wie man sich unter Wasser auf keinen Fall verhalten sollte. Die Schüler kopieren aber das, was ihr Tauchlehrer tut. Auch das, was sie nicht nachmachen sollten. Gerade das.

Gruppenkontrolle ist nicht anfassen

Die Szene oben ist kein Einzelfall. Der Assistent, der einen Schüler während der Übung von hinten festhält. Der Tauchlehrer, der sich am Jacket festkrallt – nicht nur beim Aufstieg, sondern gleich den ganzen Skill lang. Alles im Namen der Sicherheit.

Man muss sich nur kurz fragen, was der Schüler dabei eigentlich lernt: Um meine Tarierung kümmert sich jemand anders. Das ist kein Sicherheitsbewusstsein. Das ist eine Krücke – und zwar eine, die man ihm genau dann wegnimmt, wenn er sich am meisten an sie gewöhnt hat: nach der Zertifizierung.

Und noch etwas: Wer den Schüler festhält, sieht gar nicht mehr, ob er seine Tarierung selbst im Griff hat. Die Übung beweist dann schlicht nichts.

Wie es besser geht? Der Tauchlehrer ist selbst neutral tariert. Ein Flossenschlag, und er hat den Schüler gegriffen. Er bleibt beweglich – nach vorn, zur Seite, nach oben. Eine Armlänge Abstand, mehr nicht. Aber eben auch kein Festhalten. Genau das meinen die Standards mit „physical contact can be made at any time“: Körperkontakt ist möglich, weil man nah genug dran und beweglich genug ist.

Und an der Flasche? NIE.

Die Steigerung von Festhalten ist der Griff an die Flasche. Und der geht wirklich gar nicht.

Stell dir doch einfach vor: Du bist das erste Mal unter Wasser, nervös, aufgeregt, hast ein bisschen Angst – und dann merkst du, dass du dich nicht bewegen kannst, auch nicht einfach nach oben, wenn es dir unten zu viel wird. Jemand, den du nicht siehst, hält dich unter Wasser fest. Deine Maske läuft voll, du willst nur noch hoch, aber das geht nicht…
Braucht es noch mehr, um Panik zu produzieren?
Wenn die Neulinge ihren Tauchlehrer sehen, der vor oder neben ihnen schwimmt, Ruhe ausstrahlt, diskret die Tarierung anpasst, wenn es nötig ist – dann lernen sie Vertrauen und Sicherheit.

Octopus in der Hand – vorbereitet oder verunsichert?

Aber es ist ja nicht nur das Festhalten. Sicherheit soll noch durch viele andere kleine Gewohnheiten entstehen. So wie das mit dem Octopus, was viele für ganz besonders sicherheitsbewusst halten. Nimmt ein Schüler den Regler aus dem Mund, hält man den eigenen Octopus bereit – am besten direkt vor seinem Gesicht.

Echt jetzt?

Wir bilden autonome Taucher aus!

Was kommt beim Schüler an, wenn ihm beim Reglerwechsel ein gelber Zweitautomat vor der Maske baumelt? Vermutlich nicht: „Ich schaff das.“ Eher: „Oh, das scheint sehr gefährlich zu sein.“ Und gleich danach: Irgendwer reicht mir schon Luft, bevor ich überhaupt merke, dass ich welche brauche.

Vorbereitet sein heißt: Ich weiß, wo mein Octopus ist, ich bin nah genug dran und ich kann ihn in einer Sekunde anbieten. Wahrscheinlich habe ich aber noch schneller den eigenen Regler des Schülers zurück zu seinem Mund gebracht. Dafür muss der Octopus nicht in meiner Hand liegen. Und schon gar nicht vor dem Gesicht meines Schülers. Und ich muss nach der Übung nicht noch meinen Octopus wieder wegräumen.

Fazit

Gruppenkontrolle heißt: Ich kann dich jederzeit erreichen. Nicht: Ich lass dich nie los.
Wir bereiten Schüler darauf vor, autonome Taucher zu werden. Dafür üben wir im Pool oder im Flachen, und sind dabei darauf vorbereitet, dass sie Fehler machen. Die beheben wir, und bevor wir ins Freiwasser gehen, kriegen sie alles in ganz passabler Tarierung hin – noch wacklig, klar, aber wenn sie hochgehen, kriegen sie sich gefangen, und wenn sie auf den Boden dotzen, macht das auch nichts. Man muss noch sehr gut auf sie aufpassen, nah dran sein, immer mal anzeigen, doch etwas Luft ins Jacket zu machen oder rauszulassen – aber dann muss man sie eben auch machen lassen.

Und neutrale Tarierung ist kein Skill, den man einmal übt, es ist ein Zustand, den wir unter Wasser immer haben wollen.

Ein Tauchlehrer steht nicht mit beiden Flossen fest auf dem Boden. Seine Schüler auch nicht.

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